Das Weihnachtsgeschenk
Ihre Augen hätte er unter Tausenden erkannt. Sie war es. Annette. Etwas rundlicher war sie geworden, fraulicher, immer noch schön. Vielleicht war ihr Lächeln nicht mehr das, welches sie als Fünfzehnjährige hatte. Aber es war unverkennbar Annette.
Harold hätte sich am liebsten hinter dem großen Weihnachtsmann versteckt, der vorne aufgehängt war, um Kunden anzulocken. Aber Annette beachtete ihn gar nicht.
Zum ersten Mal in seinem Leben war Harold froh, dass er sich so verändert hatte. Er schämte sich. Nicht nur für seine Figur, sondern auch dafür, was er aus seinem Leben gemacht hatte. Oder besser: nicht gemacht hatte. Annette wäre bestimmt enttäuscht. Dabei war sie die Ursache dafür, dass er gefressen und gefressen hatte, bis er einem Ochsenfrosch glich. Natürlich war sie nicht direkt schuld. Natürlich nicht. Was konnte eine Fünfzehnjährige dafür, wenn ihre Eltern beschlossen, von heute auf morgen die Stadt zu verlassen?
Er hatte nie wieder etwas von ihr gehört, keine WhatsApp-Nachricht, keine SMS, kein Anruf. Nichts. Annette war spurlos verschwunden und der Kummer darüber hatte Harold völlig aus der Bahn geworfen.
Vor dem Verkaufsstand flanierten Besucher mit heißen Krapfen in der Hand oder Tüten mit gebrannten Mandeln, deren Duft bis zu Harold drang. Annette nahm eine der Wichtelfiguren in die Hand, die er hier anbot. Sie drehte das Figürchen hin und her und lächelte dabei.
Zu mehr hatte es seit Harolds Schulabbruch nicht gereicht, als zum Verkäufer von Saisonware. Tand, Krimskrams, der nach dem Fest wieder in der Schublade oder einem Pappkarton verschwand. Und obwohl er sich dafür am liebsten ohrfeigen würde, konnte er einfach nicht genug Kraft aufbringen, um seinen Schulabschluss nachzuholen und etwas Anständiges zu lernen.
In den Pausen zwischen Ostern, Weihnachten und diversen Volksfesten, bei denen er vom Osterhasen bis zum Holzengel alles Mögliche verkaufte, pflegte Harold seine an Multipler Sklerose erkrankte Mutter. Und er war dankbar dafür, ihr diesen Liebesdienst leisten zu können. Aber von dem erfolgreichen Leben, das er sich einst erträumt hatte, war das hier weit entfernt. Äonen.
Annette sah ihn an. „Haben Sie noch einen Zweiten von dieser Sorte?“
Harold brummelte etwas Zustimmendes in seinen dichten Vollbart. Ihm war klar, dass Annette ihn schon deswegen nicht erkennen konnte. Dennoch, ihre Stimme zu hören, die im Gegensatz zu seiner unverändert war, berührte etwas in seinem Inneren, das er längst totgeglaubt hatte.
„Einen Moment, ich schau mal nach.“ Harold bückte sich unter die Ladentheke und zog ein paar der dort lagernden Pappschachteln hervor. „Hier, leider nur mit einem roten Mäntelchen.“
„Oh, das passt perfekt. Ich nehme sie beide.“ Annette lächelte ihn an und zückte das Portmonee, während Harold die Figuren einwickelte und die Chance verpasste, sich zu erkennen zu geben. Er konnte es einfach nicht. Der Schmerz, den er bereits vergessen geglaubt hatte, loderte erneut in seinem Inneren auf. Es machte ihn sprachlos, wieviel Energie dort noch brodelte, obwohl ihre Trennung doch schon acht Jahre zurücklag.
Den Rest des Tages verbrachte Harold mit Vorwürfen an sich selbst. Hätte er etwas sagen sollen? Vielleicht hätten sie zusammen eine Tasse Kaffee trinken und das Geheimnis lüften können, warum Annette sich nie gemeldet hatte? Seine Feigheit beschämte ihn und machte ihn noch unglücklicher. Draußen jauchzten kleine Kinder aufgeregt zur Musik, die in Endlosschleife lief. „Oh Tannenbaum“ und „In der Weihnachtsbäckerei“. Drinnen saß Harold und dachte an ihre einzige gemeinsame Nacht, damals, als seine Welt noch in Ordnung war.
Das kurze Wiedersehen mit Annette hatte einen Riss in seinem Inneren geöffnet, der besser verschlossen geblieben wäre.
Pünktlich um einundzwanzig Uhr machte Harold das Büdchen zu und übergab dem Inhaber die Einnahmen des Tages. Die Glühweinstände hatten noch eine Stunde länger geöffnet und er geriet in Versuchung, sich unter die feierwütigen Menschen zu mischen. Alle waren dick eingemummelt und guter Laune. Er würde gar nicht unter ihnen auffallen, wenn er den Schal über sein Doppelkinn und die Mütze tief ins Gesicht zog. Aber Glühwein enthielt jede Menge Zucker und Harold spürte eine Anwandlung, heute auf Süßes zu verzichten. Vielleicht sollte er nie wieder etwas Zuckerhaltiges zu sich nehmen?
Seine verzweifelten Versuche, den Kummerspeck mit Diäten wieder von den Hüften zu kriegen, hatten nur dazu geführt, dass der Zeiger der Waage nach deren Ende wieder deutlich nach oben ausschlug. Jojo-Effekt nannten sie das. Besten Dank auch!
Zu Hause angekommen, ging Harold ins Zimmer seiner Mutter. Sie saß ganz friedlich in ihrem Rollstuhl und las im Schein einer Stehlampe ein Buch. Als sie ihn sah, leuchtete ihr Gesicht. Harold beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Wange. „N´abend, Mama.“
„N´abend, mein Junge. Hast du schon etwas gegessen?“
Harold war zu aufgewühlt, um Hunger zu empfinden, aber das konnte er seiner Mutter nicht erzählen. „Ja, ich hatte eine Bratwurst. Sehr lecker, so frisch vom Grill.“
„Naja, gesund ist das nicht gerade. Aber wenn es satt macht, schließlich hast du den ganzen Tag gearbeitet. Gab es etwas Aufregendes heute?“
„Nein, Mama. Alles wie immer. Die Kinder haben Spaß an dem ganzen Brimborium. Und der Markt hat ja erst seit einer Woche geöffnet, da geht mir die Musik noch nicht auf den Nerv.“
Harolds Mutter kicherte und prompt begann sie, zu husten.
„Ruhig atmen, Mama. Ist gleich vorbei. Ich bringe dir deine Medizin.“
Später setzte Harold sich noch ein Weilchen zu ihr, genoss den Tee, den er für sie beide aufgebrüht hatte, und dachte über die Begegnung mit Annette nach.
Annette deckte Jason und Henrietta zu, löschte das Deckenlicht und warf den beiden noch eine Kusshand zu. „Gute Nacht, ihr Süßen!“
Sie fühlte sich seltsam kraftlos, als hätte ihr jemand die Energie abgesaugt. Was war nur mit ihr los?
Während sie das Geschirr vom Abendbrot abwusch, ließ sie den Tag noch einmal Revue passieren. Der Mann von dem Verkaufsstand auf dem Weihnachtsmarkt ging ihr nicht aus dem Kopf. Seine Augen. Es waren Harolds Augen, ganz sicher, auch wenn der Rest des Körpers nicht dazu passte und der Bart wenig vom Gesicht erkennen ließ. Sie hatte diese Augen nicht vergessen können in all den Jahren. Grün, mit einem Hauch Gold darin und so viel Wärme, dass es für zwei gereicht hatte.
Und wenn es nun tatsächlich Harold war? Was gab ihr das Recht, zu glauben, er hätte sich nicht verändert, wäre immer noch der schlanke, sportliche Sechzehnjährige, den sie zurücklassen musste?
Sie spürte trotz der vergangenen Jahre immer noch die Sehnsucht, zu erklären, was damals passiert war, warum sie sich nicht bei ihm melden konnte. Nach ihrer Rückkehr in die Stadt hatte sie nach Harold gesucht, aber er war schon lange weggezogen, wie ihr die Nachbarn gesagt hatten. Niemand wusste wohin. Nur, dass der Umzug nötig war, weil seine Mutter eine Krankheit hatte, die sie in den Rollstuhl zwang.
Und wenn es Harold war? Würde er sich freuen, sie wiederzusehen? Hatte er sie vielleicht erkannt und es nur nicht gezeigt, weil sie ihm inzwischen egal war? Annette wischte mit dem Lappen unbemerkt immer und immer wieder über den gleichen Fleck auf der Spüle, rubbelte einen unsichtbaren Makel weg. Würde sie Ruhe finden, ohne sich mit Harold ausgesprochen zu haben? Es zumindest zu versuchen? Er musste wissen, was geschehen war. Und er musste wissen, dass …
Am nächsten Tag ging Annette mit klopfendem Herzen wieder zu der Bude, wo sie die beiden Figürchen gekauft hatte. Ein anderer Mann stand hinter dem Tresen. Annette war enttäuscht. Dabei hatte sie sich doch vorgenommen, sich direkt zu erkennen zu geben.
„Entschuldigung?“
„Ja, was kann ich für Sie tun?“
„Ihr Kollege, der gestern hier am Stand war…“
„Harold? Haben Sie etwas zu beanstanden?“
Annette hob die Hände. „Nein, nein. Um Gottes Willen. Ich habe mich nur gefragt…“
Der Mann sah sie abwartend an und Annette konnte nicht verhindern, dass sie rot wurde.
„Also, ähm, ich glaube, ich bin zusammen mit ihm zur Schule gegangen.“
„Harold ist ab Mittag wieder da. Er hat ne kranke Mutter, um die er sich kümmern muss.“
„Oh.“
„Kommen Sie doch Nachmittag noch einmal. Oder soll ich etwas ausrichten?“
Annette schrak zurück. „Nein, danke. Mir wäre es sogar lieber, wenn Sie gar nichts sagen würden. Ich möchte ihn überraschen, wenn es geht.“
Der Mann lächelte und nickte. „Er wird sich freuen, glauben Sie mir.“
Als Harold um dreizehn Uhr am Stand erschien und Michael ablöste, zwinkerte dieser ihm zu.
„Was ist denn los?“
„Gar nichts. Nichts.“ Michaels Schultern hoben sich zweimal kurz und die Lachfältchen um seine Augen vertieften sich.
„Mann, nun sag schon. Was ist denn so komisch?“
„Nichts, nichts.“ Michaels Grinsen war nicht zu übersehen.
Harold verdrehte die Augen. Was tat der denn so geheimnisvoll?
„Dann troll dich, du unwissende Seele. Und danke für die Vertretung!“
Harold schüttelte immer noch den Kopf, als jemand an den Stand trat, Mund und Nase mit einem dicken Schal verdeckt. Nur die Augen, die leuchteten. Es waren die Augen, die Harold nie vergessen hatte. Sie war es.
„Harold?“
Annette hatte ihn erkannt. Der Gedanke, sich zu verstellen, nicht Harold zu sein, sondern ganz jemand anderes, schoss Harold für einen Moment durchs Hirn. Um gleich darauf als kindisch abgetan zu werden.
„Ja?“
„Harold, ich bin´s. Annette.“
Harold lächelte verhalten. Besser, keine Hoffnung zuzulassen. „Ich weiß. Hab dich gestern schon erkannt. Gut siehst du aus.“
Annettes Hände kneteten einen unsichtbaren Teig.
„Ich …“
„Ist schon gut. Du musst dir keine Sorgen machen. Mir geht es prima.“ Die Lüge brannte Harold wie scharfer Schnaps auf der Zunge.
„Ich freue mich so, dich zu sehen.“ Annettes Hände kneteten immer noch, nun etwas langsamer.
Annette freute sich ihn zu sehen? Harold blieb fast das Herz stehen. Naja, es musste ja auch einen Grund geben, warum sie heute hier noch einmal auftauchte, statt zu verschwinden, wie damals. Ob sie jemals ein schlechtes Gewissen verspürt hatte? In Harold tat sich ein schwarzes Loch auf. Er würde sich kein zweites Mal verletzen lassen.
„Es ist gut Annette, wirklich. Du musst mir nichts erklären, ich bin drüber hinweg. Lange schon.“
Er sah, wie sie blass wurde und es tat ihm sofort leid. „Ich meine …“
„Nein, Harold. Ich freue mich wirklich. Ich möchte dir gern erklären …“ Annette sah ihn bittend an. „Können wir vielleicht einen Kaffee trinken? Und reden?“
Harold holte tief Luft. Einerseits drängte es ihn, endlich zu erfahren, was damals passiert war. Andererseits hatte er Angst vor dem Schmerz, den es vielleicht in ihm auslösen könnte. Aber es wäre unfair, ihr diese Chance nicht zu geben. Harolds Sehnsucht, noch ein bisschen in Annettes Augen schauen zu können, bevor sie sich endgültig aus seinem Leben verabschiedete, besiegte seine Vorbehalte. Er lächelte traurig. „Wenn du darauf bestehst. Nur, ich habe erst spät Feierabend. Und meine Mutter, sie sitzt im Rollstuhl und wartet auf mich.“
„Es muss nicht heute sein, Harold. Ich habe so viele Jahre darauf gewartet, dich wiederzusehen.“
Harold spürte, wie ein dicker Klumpen in seiner Brust zerbrach. Sein Inneres fühlte sich wie glühende Lava an. Er konnte gar nicht glauben, was er da hörte. Annette hatte darauf gewartet, ihn wiederzusehen? Unmöglich!
„Wenn du magst, ich könnte für Montagabend eine Vertretung organisieren. Da ist meistens nicht viel los.“
Annettes Lächeln wärmte Harold. Es war zaghaft, aber nicht zu übersehen. „In Ordnung. Ich muss auch jemanden organisieren, der die Kinder hütet.“
„Du hast Kinder?“ Die Frage war Harold schneller herausgerutscht, als er denken konnte. Kinder! Das bedeutete, sie hatte auch einen Mann dazu. Wie konnte er nur so hirnverbrannt sein und annehmen, dass in Annettes Leben wieder Platz für ihn sein könnte?
„Ja, zwei. Und ich würde sie dir bei Gelegenheit gerne vorstellen. Wenn es dir recht ist?“
Harold nickte. Sprechen konnte er in diesem Augenblick nicht. Wenn sie doch einen Mann hatte, wozu wollte sie ihm die Kinder vorstellen? Er war durcheinander. Zeit, er brauchte Zeit, um das zu verdauen und zu überlegen.
Annette reichte ihm einen Zettel. „Hier, das ist meine Nummer. Ruf mich an, dann vereinbaren wir einen Treffpunkt, ja?“
Der Zettel brannte fünf Minuten später immer noch in Harolds Hand. Annette wollte sich mit ihm treffen. Und sie hatte zwei Kinder. Trotzdem wollte sie sich mit ihm treffen. Harold konnte es nicht fassen.
Als er abends im Bett lag, das unaufhörliche Gedudel der Weihnachtsmusik immer noch in den Ohren, warf er einen Blick auf den kleinen Hocker, der ihm als Nachttisch diente. Neben seinem Handy lag Annettes Zettel, inzwischen zerknautscht, aber noch gut lesbar. Ihre Schrift hatte sich fast nicht verändert. Er erinnerte sich an ihre kleinen Liebesbriefchen, die sie ihm so häufig geschrieben hatte. Meist nur ein paar Worte, aber immer voller Wärme und Bewunderung. In einem Anfall von depressiven Gedanken hatte Harold sie weggeworfen, nachdem er sie alle zerschnitten hatte. Zerschnitten in lauter winzig kleine Schnipsel, genauso, wie sich sein Herz damals angefühlt hatte.
Zu sagen, dass sein Herz heute wieder heil war, wäre übertrieben. Harold wusste, dass die Narben, die Annette hinterlassen hatte, kreuz und quer liefen. Jedenfalls fühlte es sich so an, wenn er sich, was selten vorkam, der Trauer an sein früheres Ich hingab.
Er überlegte, ob er den Zettel vernichten und alle Hoffnung endgültig begraben sollte. Es wäre einfacher, als sich vorzustellen, mit Annette über ihr Leben zu plaudern oder alte Wunden aufreißen zu lassen, ohne die Chance einer Heilung zu bekommen.
Aber er hatte in Annettes Augen gesehen, wie wichtig ihr das Treffen war. Vielleicht wollte sie auf diese Weise mit ihrer Vergangenheit abschließen und mit ihrem Mann und den Kindern neu durchstarten. Harold rief sich ins Gedächtnis, wie verliebt sie gewesen waren und wie es sich angefühlt hatte, als sie damals wie vom Erdboden verschwunden war. Ob sie wusste oder jemals geahnt hatte, dass für ihn die Welt untergegangen war?
Nein, er war Annette nichts schuldig, nur sich und seinem jungen, schlanken Selbst, das noch irgendwo unter diesen ganzen Fettmassen steckte. Er musste wissen, was vor acht Jahren passiert war und vielleicht würde er verstehen können.
Kurz überlegte Harold, ob er bis Montag vielleicht ein paar Kilos abspecken könnte. Über diesem Gedanken schlief er ein.
Annette hatte die Kinder ins Bett gebracht und den Abwasch gemacht, bei dem sie stets ihre Gedanken schweifen ließ und den Tag für sich verarbeitete. Sie war froh, dass sie zu Harold gegangen war und ihn angesprochen hatte. Wie früher konnte sie in seinem Gesicht alle seine Gefühle ablesen, obwohl der Vollbart natürlich einiges verdeckte. Gerade dieses Offene, Unverstellte, war es, was sie an ihm geliebt hatte. Und auch heute noch konnte sie sich der Faszination, die seine Ehrlichkeit ausmachte, nicht entziehen. Nur bei der Behauptung, ihm ginge es gut, hatte Harold gelogen. Aber das war okay. Schließlich konnte sie nicht erwarten, dass er ihr wie früher vertraute. Sie hatte ihm überlassen, den Zeitpunkt und den Ort des Treffens zu bestimmen. Er sollte die Chance haben, einen Rückzieher zu machen. Alles andere wäre nicht fair. Aber Annette hoffte aus ganzem Herzen, dass er den Zettel nicht wegwarf, sondern sie anrief.
Dabei hatte sie noch keine Ahnung, wie sie ihm die Sache beibringen sollte. Sie hatte sie damals selbst kaum begriffen.
Ihr Blick wanderte zu den von den Kindern gemalten Bildern, die ausnahmslos den Weihnachtsmann mit einem riesigen Sack voller Geschenke zeigten. Annette hatte eine Girlande quer durchs Wohnzimmer gespannt und die Bilder daran aufgehängt. Manchmal fühlte sie sich sehr allein. Gerade wenn die Kinder erwartungsvoll über das Weihnachtsfest sprachen, machte sich eine Leere in Annette breit. Sie hatte den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Es war nicht entschuldbar, was sie ihr angetan hatten und es war noch weniger entschuldbar, was sie den Kindern hatten antun wollen. Aber der Gedanke, damals richtig gehandelt zu haben, milderte dennoch nicht die Sehnsucht nach einem Weihnachtsfest in einer Familie, einer richtigen Familie.
Am nächsten Morgen zog Annette den Kindern dicke Jacken, Mützen und Handschuhe an. Es schneite und sie wollte mit ihnen durch den großen Park wandern, der sich entlang des Flusses durch ganze drei Stadtteile zog. Als sie den beiden ihre Winterstiefel hinstellte, klingelte das Telefon. Harold!
Annette merkte, wie ihr vor Freude die Röte in die Wangen stieg. Harold hielt Wort.
„Bist du sicher, dass du dich mit mir treffen willst, Annette? Ich meine, du hast Familie …“
Annette schluckte. „Harold, meine Familie warst immer du.“ Sie merkte selbst, wie dramatisch das klang. „Also … Äh, naja, klar sind die Kinder auch meine Familie. Es gibt niemanden sonst, wenn dir das Sorgen macht.“
Am anderen Ende hörte sie Harolds Seufzen. Sie konnte nicht einordnen, ob es Resignation oder Erleichterung war. Natürlich hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, wie er auf ihre Bitte reagieren würde. Es war ja ganz offensichtlich, dass er nicht mehr der Junge war, in den sie sich damals verliebt hatte. Aber ihr war der Mensch wichtig, nicht die körperliche Hülle. Das, was im Herzen war, zählte. Und sie hoffte, sie könnte Harold davon überzeugen.
„Okay, dann treffen wir uns morgen. Neunzehn Uhr im »Roland«?
„Super, ich freue mich!“
Annette kam gar nicht zum Nachdenken. Die Kinder nahmen sie völlig in Anspruch und vielleicht war das auch ganz gut so. Am Abend wusste sie intuitiv, dass sie Harold zuallererst erzählen musste, warum es ihr nicht möglich gewesen war, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Die Trennung von ihm würde gleichzeitig der Punkt sein, an dem sie die Verbindung zu ihm neu knüpfen wollte. Alles andere konnte warten. Sie schlief mit dem Gedanken an Harolds liebes Gesicht ein. Ja, äußerlich hatte er sich verändert, aber innendrin …
Harold bestellte vorsichtshalber im »Roland« vor. Das Lokal hatte Charme und zog nicht nur Touristen an, sogar an einem Montag. Er wollte die Zeit mit Annette nicht damit verbringen, in anderen Lokalen nach einem freien Tisch zu suchen.
Mehr als zehn Minuten war er zu früh und überlegte, ob er schon hineingehen sollte. Passanten streiften ihn und Harold wurde wieder einmal schmerzlich bewusst, dass er den Umfang eines großen Findlings hatte. Wahrscheinlich würde Annette ihm bloß ihr damaliges Verschwinden erklären und sich danach erneut aus seinem Leben stehlen. Harolds Herz klopfte verzweifelt in seiner Brust. Scham und Trauer verdrängten das gute Gefühl, das er vorhin noch gehabt hatte. Gerade als er überlegte, doch nicht auf Annette zu warten, erschien sie, etwas außer Atem, aber mit geröteten Wangen und strahlenden Augen.
„Darf ich?“
Annette machte Anstalten, ihn zu umarmen und Harold war viel zu baff, als dass er das hätte ablehnen können. Ihr Haar duftete und die Umarmung währte nicht lange, war aber fest genug, um Harold glauben zu lassen, dass es doch ein schöner Abend werden könnte.
Beim Essen legte Annette sich keine Zurückhaltung auf, während Harold sich nur einen Salat bestellte. Annette sagte nichts dazu und Harold war dankbar dafür. Selbst ein humoriges Augenblinzeln hätte ihn verunsichert.
Bislang hatten sie nur über den Weihnachtsmarkt gesprochen, über Harolds Arbeit im Büdchen und Harolds Mutter. Annette hatte davon erzählt, wie sehnsüchtig ihre beiden Kinder, Henrietta und Jason hießen sie, auf den Weihnachtsmann warteten und nach einer Weile eröffnete sie ihm, dass sie Weihnachten mit den Kindern allein verbringen würde. Ohne die Großeltern, zu denen sie bereits vor Jahren alle Verbindungen abgebrochen hatte.
Harold spürte Annettes Resignation und Trauer. Offensichtlich war auch der Vater der Kinder nicht mit eingeplant. Er sah ihr fest in die Augen. „Magst du mir erzählen, was passiert ist?“
„Ja, das will ich, Harold. Ich weiß nur gar nicht, wo ich anfangen soll.“ Annette hielt Messer und Gabel in der Hand, als wolle sie ihre Vergangenheit aufspießen. Dann atmete sie tief ein und erzählte. Erzählte, wie ihre Eltern sie damals ohne Vorwarnung direkt an der Schule abgefangen und sie in ein Auto verfrachtet hatten. Sie durfte nichts von zu Hause mitnehmen, ja nicht einmal ihr Zimmer wiedersehen, kein Andenken einstecken oder jemanden anrufen, am allerwenigsten Harold. Ihr Handy hatten sie als erstes zerstört. Sie sagten ihr, dass der Vater Zeuge in einem Gerichtsfall und die Familie zur Sicherheit in einem Zeugenschutzprogramm untergekommen sei. Alle Verbindungen zu ihrer Vergangenheit wurden gründlich gekappt, sogar einen neuen Namen hatte sie erhalten. „Aber innendrin bin ich immer noch Annette, die, die du kennst, Harold. Da hat sich nichts verändert.“
Harold war sprachlos. Wie konnten Eltern ihrem Kind so etwas antun? Sicherheit hin oder her. Sie hätten Annette doch wenigstens vorwarnen können.
Er sah den Schmerz in Annettes Gesicht und konnte nicht anders, als ihre Hand zu nehmen, die sich warm und kalt zugleich anfühlte. „Das tut mir leid, Annette. Deshalb hast du dich nicht gemeldet?“
Annette nickte. „Ich habe dir Briefe geschrieben, die ich nie losschicken durfte. An einen Computer bin ich nicht herangekommen. Sie haben mich zu Hause unterrichtet und irgendwann…“.
Harold nickte und drückte Annettes Hand. „Irgendwann hast du aufgegeben.“
„Ich bin weggelaufen, aber sie haben mich ganz schnell gefunden. Ich wusste ja nicht einmal, an welchem Ort wir waren. Es war so einsam gelegen, da kam niemand hin.“
Unbewusst streichelte Harold Annettes Hand und als er es bemerkte, war es zu spät, einen Rückzieher zu machen. Es fühlte sich richtig an. Ihre Tränen rührten ihn, sie waren echt, keine Tränen der Reue, sondern des Kummers. In sich spürte Harold eine ungeahnte Leichtigkeit. Trotz der traurigen Geschichte hätte er vor Glück singen mögen. Annette hatte ihn nicht verlassen, weil sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Und jetzt saß sie bei ihm und vielleicht würde alles gut werden. Er könnte abnehmen und doch noch einen Beruf lernen. Und er könnte sich um Annette kümmern und um ihre Kinder. Das wäre toll.
Die Kinder.
Harold mochte Kinder und er hätte selbst gern eigene. Aber Annettes Kinder – obwohl er sie nicht kannte, wusste Harold, dass er auch sie lieben könnte. Vorher jedoch…
„Was ist mit dem Vater von Jason und Henrietta? Hast du noch Kontakt zu ihm?“
Annette sah ihn nicht an, sondern studierte das nicht vorhandene Muster der Tischdecke.
„Wenn du nicht drüber reden möchtest, es ist in Ordnung.“
„Wirklich?“ Annettes Wangen glänzten feucht.
„Ja, total. Ich hoffe, ich lerne sie bald kennen?“
Annette hatte sich von Harold mit einer langen und festen Umarmung und mit einem Kuss auf die Wange verabschiedet. Sein Bart war weich, so weich wie der ganze Mann. Es tat richtig gut, wieder in seiner Nähe zu sein. Harold kannte keine Vorbehalte. Er hatte sie von jeher so akzeptiert, wie sie war, voller Zweifel, voller Selbsthass, voller Abneigung gegen die harte Welt da draußen. Und jetzt? Er hatte die Arme breit für sie geöffnet, für sie und die Kinder, das spürte Annette. Obwohl er noch nicht die ganze Wahrheit kannte.
Harold hatte ihr die Zeit nach ihrem Verschwinden geschildert, dass er nur im Essen ein wenig Beruhigung gefunden hatte. Die Ungewissheit, warum Annette ohne Abschied aus seinem Leben verschwunden war hatte ihn nicht aufgezehrt, sondern das Gegenteil bewirkt.
Aber Harold blieb Harold.
Am Wochenende wollte sie ihn mit den Kindern im Büdchen besuchen. Harold hatte versprochen, dass er nicht verraten würde, dass sie dort bereits zwei Figuren eingekauft hatte. Ihr schmales Budget konnte auch noch zwei weitere Figuren verkraften. Und sie wollten jeden Tag kurz telefonieren. Ihre unterschiedlichen Arbeitszeiten ließen nur ein kleines Zeitfenster offen, aber es würde reichen, ihre Verbindung aufrecht zu erhalten und zu schauen, was kommen könnte.
Annette fühlte sich seit vielen Jahren wieder einmal frei und sie hatte in Harolds Gesicht etwas gesehen, das sie lange vermisst hatte. Viel zu lange.
Die Woche verging wie im Flug. Die Kinder malten weitere Bilder vom Weihnachtsmann und Annette hängte sie mit einem Lächeln auf die straff gespannte Leine. „Vielleicht mögt ihr noch ein Bild für Harold malen? Harold ist ein alter Freund von mir und wir werden ihn am Wochenende besuchen. Er arbeitet in einer kleinen Bude auf dem Weihnachtsmarkt!“
So kam es, dass Annette am Samstag zwei der schönsten Zeichnungen einpackte. Sie freute sich, dass die Kinder den Weihnachtsmann kugelrund gemalt hatten. Das würde Harold gefallen.
In der Straßenbahn saßen die beiden mit baumelnden Beinen auf den Sitzen und zeichneten mit den Fingern weitere Weihnachtsmänner an die vom Atem der Menschen beschlagenen Scheiben. Am Marktplatz stiegen sie aus und stürzten sich ins Gewühl. Obwohl es Annette zu Harolds Bude zog, als sei dort ein Magnet befestigt, ließ sie den Kindern die Freude an dem bunten Treiben ringsherum. Karussells, Zuckerwatte, Weihnachtsmusik und märchenhafte Skulpturen, alles gehörte dazu. Nach einer Weile bugsierte sie die beiden unauffällig in Richtung Harold und da war er auch schon. Er sah sie und winkte ihr kurz zu, bevor er eine Kundin noch fertig bediente. Jason und Henrietta staunten. „Du, Mama, der Harold sieht ja aus, wie der Weihnachtsmann!“
Annette lächelte. „Ja, vielleicht ist er es ja auch. Also seid schön brav.“
Sie war stolz auf ihre hübschen Kinder und so eingemummelt mit Schal und dicker Mütze sahen sie unglaublich süß aus. Ihr lief bei dem Anblick das Herz über und sie war nicht zum ersten Mal froh, dass sie dem Druck ihrer Eltern standgehalten und die Babys bekommen hatte. Es war einer der Gründe, warum sie den Kontakt zu ihren Eltern nie wieder herstellen wollte. Harold wusste noch nichts davon. Sie würde es ihm sagen, wenn es soweit war.
Im Moment strahlte er wie ein Honigkuchenpferd und seine Augen sagten ihr, dass er sich ehrlich freute, sie und die Kinder zu sehen.
„Bist du der Weihnachtsmann?“ Henrietta konnte ihre Neugier nicht zügeln. Harold lachte lautlos in sich hinein und Annette musste darüber grinsen. Er plauderte mit den Kindern, als sei es das Natürlichste der Welt und das war es ja letztendlich auch. Annette merkte, wie die Anspannung von ihr abfiel. Es war einfach nur schön, Harold zuzusehen. Jason platzte irgendwann heraus: „Du Harold? Mein Papa ist Polarforscher. Und er ist verschollen. In der Antarktis. Und Oma und Opa auch. Wusstest du das?“
Es war gar nicht nötig, die Luft anzuhalten. Harold zwinkerte ihr zu. „So? Wahrscheinlich sind die Oma und der Opa deinen Papa suchen gegangen.“ Und damit war die Sache abgehakt. Natürlich musste sie den Kindern und auch Harold bei Gelegenheit die Wahrheit sagen. Aber der Zeitpunkt war einfach noch nicht gekommen.
Später durften sich die Kinder eine der Figuren aussuchen, die Harold anbot. Er hatte aus einer Kiste unter dem Ladentisch zwei hinreißende Schneewölfe hervorgezaubert und stellte sie zu den anderen Figuren. Henrietta und Jason stürzten sich darauf und als Annette bezahlen wollte, winkte Harold ab. „Ich möchte sie euch schenken, weil ihr so tolle Kinder seid. Und vielleicht hat euer Papa ja auch Schneewölfe bei sich. Echte.“
Als Harold Feierabend machte, hatte er immer noch ein warmes Gefühl in der Körpermitte. Henrietta und Jason waren zauberhaft. Zwillinge, das hatte er nicht vermutet. Ihr Alter war schwer zu schätzen, aber Annette musste sie zeitig bekommen haben. Er hoffte nur, dass die Empfängnis freiwillig geschehen war. Vielleicht war der Vater ihr einziger Trost gewesen und hatte sich dann vom Acker gemacht, als feststand, dass Annette schwanger war. Wenn es gut lief, würde sie ihm das eines Tages erzählen.
Die Geschichte mit der Antarktis war natürlich eine Notlüge. Er kicherte. Und gleich die Großeltern hinterherzuschicken … Wer weiß, wer in Annettes Leben noch eines Tages in der Antarktis verschwand. Er gehörte hoffentlich nicht dazu.
Harold hatte keine Ahnung, zu was sich die Beziehung zwischen ihm und Annette entwickeln könnte. Er würde ihr gern mehr als ein guter Freund sein, aber die Entscheidung traf nicht er. Im Augenblick genoss er jedenfalls die kurzen Telefonate, die Berührung ihrer Hand zum Abschied und den Gedanken, dass sie in sein Leben zurückgekehrt war.
Zu Hause umarmte er seine Mutter stürmisch und obwohl es ihr offensichtlich wehtat, freute sie sich mit ihm über seine gute Laune und seinen Eifer. Endlich konnte er ihr auch von Annette erzählen und den Kindern. Harold redete wie ein Wasserfall, ohne es zu merken. Und er gestikulierte lebhaft, als sei er nicht nur seiner ehemaligen Freundin und ihren Kindern begegnet, sondern als sei die Welt plötzlich in ein strahlendes Licht getaucht. Denn genauso fühlte es sich an.
Bei einem der kurzen Telefonate in den nächsten Tagen fragte Harold, ob Annette sich vorstellen könnte, mit Jason und Henrietta am Heiligabend zu ihm und seiner Mutter zu kommen. Annette blieb vor lauter Rührung die Luft weg. „Wirklich? Hast du dir das gut überlegt, Harold?“
„Oh ja! Und meine Mutter würde sich unheimlich freuen, dich wiederzusehen und deine Kinder kennenzulernen. Welcher Anlass wäre denn besser geeignet, als das Weihnachtsfest?“
„Ich weiß nicht …,“ stotterte Annette und als sie merkte, dass Harold enttäuscht schwieg, ergänzte sie, „Ich möchte so gern, Harold, aber ich will euch nicht zu viel zumuten. Sag mir, dass es dir wirklich ernst ist.“
„Aber ja, ja, es ist mein Ernst!“ Harolds Begeisterung war nicht zu überhören. „Bitte! Ich…, wir beide würden uns freuen. Es wäre das beste Weihnachtsgeschenk ever!“
Annette, die daran dachte, dass nicht einmal ihre eigenen Eltern den Versuch gemacht hatten, ihre Kinder kennenzulernen, geschweige denn das Weihnachtsfest mit ihnen zu verbringen, hustete, um ihre Gefühle zu verbergen.
„Okay, Harold. Aber ich habe eine Bedingung. Ich koche. Und es wird keinen Salat für dich geben, sondern etwas Ordentliches, ja?“ Was sie für sich behielt, war: Ich mag dich nämlich genauso, wie du bist.
Am Samstag besuchten Annette, Jason und Henrietta unverhofft Harold in seinem Büdchen und obwohl der Kundenandrang an diesem Tag recht stark war, fand er die Zeit, kurz mit ihnen zu plaudern. Er platzte immer noch vor Freude darüber, dass sie den Heiligabend gemeinsam verbringen würden und steckte die Kinder mit seinen Mutmaßungen an, was der Weihnachtsmann wohl alles bringen würde. Annette, die genau wusste, was sie ihm und seiner Mutter schenken wollte, amüsierte sich köstlich, als sie merkte, wie Harold versuchte, die Kinder auszuhorchen, was sie sich wohl wünschen würde. Dabei war der größte Wunsch bereits in Erfüllung gegangen. Sie hatte Harold wiedergefunden.
Für Harold vergingen die Tage bis zum Weihnachtsfest wie im Flug, obwohl er mehr zu tun hatte, als sonst. Er räumte die Wohnung gründlich auf, säuberte sie bis ins letzte Eckchen und sichtete den spärlichen Weihnachtsschmuck, den sie beide besaßen. Zufrieden war er mit der Ausbeute nicht und so besorgte er noch frische Tannenzweige, glitzernde Bänder, kleine Engelchen und Strohsterne sowie ein paar Lichterketten, die er in der ganzen Wohnung verteilte. Obwohl er bemerkte, dass seine Mutter über seinen Eifer belustigt war, konnte er sich nicht bremsen. „Es ist für die Kinder. Sie sind großartig und sie sollen Freude haben. Ich möchte ihnen ein schönes Fest bereiten.“ Er ließ sich auch vom Lächeln seiner Mutter nicht irritieren, denn er musste selbst über sich lächeln. Es tat gut, sich wieder für etwas begeistern zu können. Und so schwebte Harold regelrecht durch die Wohnung, richtete hier und dort noch eine Kleinigkeit, umarmte hin und wieder seine Mutter und vergaß auch nicht, seine kleinen Ersparnisse zu plündern, um Geschenke für alle zu kaufen.
Er vereinbarte mit Annette, dass sie ihm ein paar Tage vorher ihre Geschenke vorbeibringen solle. „Ich möchte, dass es perfekt wird. Mit Weihnachtsmann und allem Drum und Dran,“ sagte Harold und seine Zähne blitzten. „Wenn sie kommen, soll alles bereit sein.“
Als es soweit war, bemerkte er Tränen in Annettes Augen und vermutete, sie wünschte sich, der richtige Vater oder auch ihre Eltern würden sich so viel Mühe geben. Irgendwie machte ihn das glücklich, obwohl es ihn auch traurig stimmte, Annettes Kummer zu sehen.
Am Weihnachtstag musste Harold nicht mehr arbeiten. Die Buden wurden am Vortag alle abgebaut, der Markt blieb bis auf den großen städtischen Weihnachtsbaum leer. Harold hatte erst wieder im neuen Jahr ein Jobangebot, was seinem Konto nicht so gut tat, aber er würde über die Runden kommen, wie immer. Eine der Tannen, mit denen die Buden geschmückt waren, nahm er mit nach Hause. Es wäre schade, sie entsorgen zu lassen und selbst einen teuren Baum kaufen zu müssen.
Harold war verschwitzt, als er die Tanne endlich durch die Wohnungstür bugsierte. Der Ständer war vorbereitet, das Lametta lag bereit und die schönsten Kugeln glänzten in der altmodischen Verpackung. Sie waren vielleicht nicht so prächtig, wie moderner Christbaumschmuck, aber sie hatten Charme und sie waren von seinen Großeltern geerbt. Als er sie an den Baum hängte, lächelte er.
Harold hätte nicht genau sagen können, warum er sich so verdammt glücklich fühlte, obwohl die letzte Zeit wirklich anstrengend gewesen war. Vielleicht lag es daran, dass sein Leben mit Annettes Rückkehr wieder einen Sinn bekommen hatte. Für sie da zu sein, auch für Henrietta und Jason, fühlte sich einfach richtig an. Klar, er sorgte auch für seine Mutter, und das tat er gern. Aber das war nicht vergleichbar. Harold hoffte nur, Annette bliebe Bestandteil seines Daseins, für immer.
Jason und Henrietta waren aufgeregt, wie nie. An Mittagsschlaf war überhaupt nicht zu denken. Annette spürte selbst, wie die Unruhe an ihr nagte. Weihnachten in Familie, auch wenn es nicht die eigene war. Noch vor ein paar Wochen hatte sie dies nicht für möglich gehalten und nun … Nun stand sie am Herd und bereitete einen Hackbraten zu. Als sie darauf bestanden hatte, für heute Abend zu kochen, war ihr völlig entfallen, dass sie noch nie in ihrem Leben ein Festessen zubereitet hatte, das für einen Weihnachtsabend taugte. Aber Harold hatte sie beruhigt und gemeint, Hackbraten wäre wunderbar. Er wollte Kartoffeln schälen und Gemüse vorbereiten. Annette würde nachher die Kasserolle in die Reisetasche verfrachten und dann konnte es auch schon losgehen.
Die Straßenbahn fuhr durch die lichtergeschmückte Stadt. Annette liebte es, die vielen erleuchteten Fenster zu sehen und sich vorzustellen, wie die Leute dort den Heiligabend begingen. Früher mal war sie mit ihren Eltern in die Kirche gegangen und anschließend durch die Siedlung geschlendert, in der sie wohnten. Manchmal erhaschte sie einen Blick auf den Weihnachtsmann, in den meisten Fällen jedoch nur auf den erleuchteten Weihnachtsbaum in der guten Stube oder die herausgeputzten Vorgärten. Das war wunderschön. Und es war viele Jahre her.
Henrietta hatte darauf bestanden, eine Station früher auszusteigen. Sie mochte es ebenso, wie ihre Mutter, den Leuten in die Fenster zu gucken. Annette summte leise „Stille Nacht“, während sie zu dritt durch die Kälte liefen und sich auf einen schönen Abend freuten.
Harolds Wohnung befand sich im Erdgeschoss. Annette klingelte und ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür und der Weihnachtsmann stand direkt vor ihnen. Jason und Henrietta blieb der Mund offen stehen. „Oh, hohoho! Da kommt ja noch Besuch. Nun wollte ich gerade gehen und den anderen Kindern ihre Geschenke bringen. Was mache ich denn da nur?“
Jason stürmte los und umarmte den Weihnachtsmann. „Nein, bitte, nein, du musst noch bleiben.“
Die Augen des Weihnachtsmannes waren grün, mit einem Hauch Gold darin und so viel Wärme, dass es für zwei gereicht hatte. Und für zwei weitere reichen würde. Das hoffte Annette von ganzem Herzen.
Es kam nicht oft vor, dass Harold nicht darüber verzweifelte, dass er so dick war. Das Weihnachtsmannkostüm passte wie angegossen und zusammen mit dem Rauschebart, den er sich über den eigenen Bart gezogen hatte, gab er einen ganz passablen Weihnachtsmann ab. Vielleicht könnte er das als zweites Standbein ausbauen? Er lachte und drückte Jason an sich. „Na komm, eine Minute habe ich noch. Und das da“, er deutete auf Henrietta, „das ist deine Schwester?“
Henrietta nickte zaghaft. „Würdest du den Weihnachtsmann bitte mal kurz umarmen?“ Das Mädchen schmiegte ihren Kopf an Harolds Brust. Das fühlte sich unheimlich gut an. Mit tiefer Stimme sagte er: „So Kinder! Ich wusste natürlich, dass ihr Harold besuchen kommt. Dummerweise ist Harold im Moment nicht da. Aber den Sack mit den Geschenken habe ich im Wohnzimmer abgestellt. Ihr werdet ihn finden. Nun muss ich leider wirklich los, damit die anderen Kinder auch Geschenke bekommen. Bleibt schön brav und habt viel Spaß. Und nächstes Jahr sehen wir uns wieder, einverstanden?“
Ein zweistimmiges, begeistertes „Ja!“ antwortete ihm und dann liefen die Kinder in die Wohnung. Harold sah Annettes Augen verdächtig glänzen. Er lachte noch einmal, umarmte sie kurz und sagte. „Lenk sie ab. Ich ziehe mich schnell um.“
Annette fühlte sich wie in einem Wunderland. Die ganze Wohnung war geschmückt. Überall hingen Lichterketten und Tannenzweige. Es duftete nach frischgebackenen Keksen, Kerzen und Liebe. So hatte sie sich das gewünscht. Sie nahm den Kindern die Jacken ab und verstaute sie zusammen mit ihrer eigenen an der Flurgarderobe. In diesem Moment kam Harold durch die Wohnungstür. „Ah, ihr seid schon da. Entschuldigt bitte, dass ich zu spät komme. Ich hatte noch etwas zu besorgen.“
„Harold, Harold, der Weihnachtsmann war da!“ Henrietta rüttelte an Harolds Arm.
„Das glaube ich jetzt nicht. Wirklich?“
„Ja, du hast ihn verpasst. Er war ganz groß und hatte einen langen Bart. Viel länger als deiner!“ Jason rüttelte aufgeregt an Harolds anderem Arm. Es war, als sei Harold schon immer Bestandteil ihrer kleinen Familie, so ungezwungen benahmen sich die Kinder. Und er benahm sich, als seien die Kinder schon immer dagewesen. In diesem Moment wusste Annette, was sie an Harold faszinierte. Obwohl er offensichtlich Probleme hatte, nahm er andere Menschen ernst und stellte ihr Wohlbefinden über sein eigenes. Es war so wohltuend, ihn zu beobachten und festzustellen, wie unbekümmert er gab, ohne etwas dafür nehmen zu wollen. Hätte Harold nicht bereits vor langer Zeit ihr Herz gewonnen, hätte sie sich augenblicklich erneut in ihn verliebt.
Dann endlich durfte sie Harolds Mutter begrüßen. „Mama kennst du ja noch.“ Und ja, obwohl die Frau sich körperlich verändert hatte, konnte Annette noch immer den liebevollen Blick erkennen, mit dem sie schon damals das unsichere Mädchen ins Herz geschlossen hatte.
„Komm her, Annette. Es ist so schön, dich zu sehen, Kind.“
Da waren sie wieder, der Kloß im Hals und die Tränen, die sich nicht zurückhalten lassen wollten. Es waren Freudentränen, unter die sich unbemerkt Tränen der Trauer mischten. „Sag Lisbeth zu mir oder Mama, wie du willst. Du gehörst ja noch immer zur Familie.“
Annette konnte gar nichts sagen, schniefte nur unauffällig die Tränen weg und strahlte die beiden Gastgeber an. „Es ist unbeschreiblich schön, hier zu sein. Vielen Dank, Mama und vielen Dank, Harold.“
Dann schob Harold sie sanft zur Seite. „Und hier, Mama, sind Henrietta und Jason. Du wirst sie mögen. Sie sind Klasse.“
Die Kinder hatten sich bis jetzt zurückgehalten, waren nur sichtlich erstaunt, dass ihre starke Mutter in Tränen ausgebrochen war. Annette nickte ihnen zu und musste erneut schlucken, als Harolds Mutter lächelnd sagte: „Lasst euch ansehen. Ihr seid ja wunderhübsch. Wenn ihr mögt, sagt Oma zu mir.“
Henrietta umarmte die „Oma“ als erste. „Wirst du auch nicht in die Antarktis fahren?“
Annette sah Harold an, dessen Augen Besuch von den Mundwinkeln bekommen hatten und dann prusteten sie wie auf ein Kommando los.
Harolds frühere Weihnachtsfeste waren in Ermangelung einer größeren Verwandtschaft immer recht ruhig verlaufen. Und dann gab es die Jahre, in denen ihm das Fest nichts mehr bedeutete, er nur seiner Mutter zuliebe einen Tannenbaum schmückte und Geschenke besorgte. Aber dieses Jahr …
Er hatte gedacht, das Glücksgefühl, das seit Annettes Rückkehr in ihm wohnte, wäre nicht zu steigern. Was für ein Irrtum!
Er platzte regelrecht vor Freude, fühlte sich wie ein Ballon, so leicht, so schwerelos. Es war unbeschreiblich. Unbeschreiblich auch das Gefühl, mit Annette zusammen in der Küche zu stehen und das Essen für die Familie zuzubereiten, während die frischgebackene Oma Henrietta immer wieder bestätigte, dass sie nicht vorhabe, in die Antarktis zu den anderen Großeltern zu fahren. Auch wenn natürlich die technischen Voraussetzungen in Form des Rollstuhls durchaus gegeben waren.
Annette lehnte sich an den Küchenschrank und sagte mit weicher Stimme: „Es ist herrlich, Harold. Ich wünschte, es könnte immer so sein.“
Harold blieb fast das Herz stehen. Etwas in ihm zuckte zurück, konnte sich nicht vorstellen, dass eine schöne Frau wie Annette, ihn, den Fettsack lieben könnte. Ja, wäre er noch so schlank und sportlich, wie damals, und hätte er einen Beruf, ja dann …
Eine andere Stimme in ihm widersprach. Harold, es kommt auf das an, was drin ist, nicht, was einer ist oder wie er aussieht. Und eine weitere Stimme sagte hämisch: vielleicht will sie ja nur Freundschaft? Wer, außer deiner Mutter, könnte dich schon lieben?
Harold wurde bewusst, dass er nie erfahren würde, was Annette meinte, wenn er nicht einmal, nicht ein einziges Mal über seinen fetten Schatten springen und sagen würde, was er sich wünschte, sehnlicher als alles andere.
Er lehnte sich neben Annette an, so dass ihre Schultern sich berührten. Er spürte ihre Wärme. „Aber es ist möglich. Es könnte immer so sein.“ In seiner Stimme vereinten sich Trauer und Hoffnung.
Einen Augenblick blieb es still zwischen ihnen, dann schob Annette ihre Hand vorsichtig in seine, legte ihren Kopf an Harolds Schulter und sagte: “Das wäre schön.“
Aus Annettes Sicht war das Weihnachtsfest für sie und die Kinder nicht mehr steigerungsfähig. Sie fühlte sich hier zu Hause. Auch die Kinder fremdelten keinen Augenblick, weil sie merkten, dass die neue Oma und Harold sie wirklich mochten. Sie waren willkommen bei diesen beiden lieben Menschen, die wenig hatten, aber unheimlich viel gaben. Nichts konnte Annette glücklicher machen. Nun, zu wissen, dass Harold bereit war, über sein verwundetes Selbstbewusstsein hinweg einen gemeinsamen Weg einzuschlagen, das war das Tüpfelchen auf dem i. Es würde Arbeit bedeuten, das war Annette bewusst. Harolds Komplexe waren ihr nicht verborgen geblieben, aber gemeinsam konnten sie es schaffen, da war sie sicher. Und da war noch etwas, das das frische Band zwischen ihnen stärken würde. Darüber gab es inzwischen keinen Zweifel mehr.
Nach dem Essen, bei dem der Hackbraten zu Annettes Stolz sehr gut angekommen war, ging es an die Verteilung der Geschenke, die der Weihnachtsmann freundlicherweise in einem Sack dagelassen hatte. Für die Kinder gab es zwei flauschige Polarfüchse mit großen Knopfaugen, die ein Vermögen gekostet haben mussten. Dazu Süßigkeiten und kleine Spielsachen, die Annette sorgfältig ausgesucht hatte. Die Polarfüchse waren natürlich der Hit. Annette sah, wie Harold und Mama sich zufrieden angrinsten. Zur Belohnung bekamen die beiden eine Ladung Bilder vom Weihnachtsmann, die die Kinder mit Feuereifer und Liebe gemalt hatten. Irgendwie hatte der Weihnachtsmann große Ähnlichkeit mit Harold, was für ein herzliches Lachen bei ihm sorgte.
Für Mama hatte Annette einen roten und sehr weichen Schal ausgesucht. Er fühlte sich wie Vogelflaum an. Von Harold bekam sie zwei Theaterkarten geschenkt und die Versicherung, dass die Oma auf die Kinder aufpassen würde, während sie einen schönen Abend genossen. Harolds Geschenk für seine Mutter bestand aus einer ebenfalls roten Weste und zwei Büchern, die sie sich schon lange gewünscht hatte und sie schenkte ihm einen Gutschein für eine Wellnessoase in der Nachbarstadt.
Annette hatte ihr Geschenk für Harold in weiser Voraussicht nicht vorher bei ihm abgegeben, sondern in einem Seitenfach der Reisetasche hertransportiert. Als sie es eingewickelt und mit einer silbernen Schleife und zwei kleinen Engelchen versehen hatte, war Annette für einen Moment ins Schwanken geraten. Würde Harold sich so darüber freuen, wie sie es erwartete? Könnte dieses Geschenk Harolds Wunden heilen? Was, wenn er anders reagierte, als sie sich das vorgestellt hatte? Würde sie etwas damit zerstören, von dem Harold nicht einmal wusste, dass es vorhanden war?
Ihr Herz klopfte wie ein Schmiedehammer in ihrer Brust, als sie Harold das Päckchen überreichte und dabei seine Hände streifte.
Harold sah sie an und murmelte: „Du weißt, das ist nicht nötig. Ihr seid Geschenk genug.“ Das kleine Wörtchen „Ihr“ ließ Annettes Herz erneut schmelzen. Ihr. Nun wusste sie, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Mama drückte Annettes Hand und flüsterte ihr zu: „Ich weiß es. Wusste es bereits, als ihr durch die Tür kamt. Ich bin so froh.“
Harold guckte verständnislos. „Mama, was meinst du?“
Annette nickte ihm lächelnd zu. „Mach es auf. Dann wirst du verstehen.“
Obwohl Harold nicht hätte glücklicher sein können an diesem wunderbaren Abend, der ein Neuanfang für ihn und Annette sein konnte, machte sich ein mulmiges Gefühl in ihm breit. Annettes Geschenk fühlte sich wie ein Packen Briefe an. Womöglich waren es die Briefe, die sie ihm geschrieben hatte und nie absenden durfte. Die Briefe einer Fünfzehnjährigen, die über ihren Kummer und ihr Unglück schrieb, die ihre Vergangenheit loslassen musste, so wie er seine Vergangenheit losgelassen glaubte. Harold war nicht sicher, ob er diesem Kummer standhalten, sich dem Gefühl der Ohnmacht aussetzen wollte. Annette zuliebe wollte er aber wenigstens so tun, als sei dieses Geschenk wichtig für ihn. Und einesteils war es das ja auch. Er wusste noch viel zu wenig über die Geschehnisse damals, wartete darauf, dass Annette ihm irgendwann mehr erzählen würde. Es hatte ja Zeit. Diese Briefe sprachen wahrscheinlich auf eine viel intensivere Weise über ihre Gefühle und es schmerzte Harold schon, sie nur in der Hand zu halten. Es war dennoch der größte Vertrauensbeweis, den ein Mensch, ein Mann, sich nur wünschen konnte.
Harold unterdrückte sein Zögern, lächelte und öffnete die Schleife. Er legte die beiden daran befestigten Engelchen in die Hand seiner Mutter, damit sie nicht verloren gingen. Dann entfernte er das Papier.
Tatsächlich waren es Briefe. Sieben Stück, sehr dick. Harold stutzte. Auf dem obersten Brief prangte ein Aufkleber der Post „Adressat verzogen, zurück an Absender“. Das Datum war … Er sah Annette an. „Mach ihn auf, Harold.“
In Harold stieg Hitze auf. Er zitterte, als er den Umschlag öffnete. Heraus purzelten Babyfotos und ein Brief.
Annette kniete vor ihm und hielt seine Hände. „Die Kinder wissen es noch nicht. Wir werden es ihnen später sagen. Ich habe dir jedes Jahr an ihrem Geburtstag einen Brief mit Bildern geschickt. Auch wenn ich wusste, dass er dich nicht erreicht. Und ich bin so dankbar, dass Sie dich endlich kennenlernen dürfen.“
Harold konnte sich an keinen Moment in seinem Leben erinnern, an dem er sich glücklicher gefühlt hatte. Als wäre ein Blitz in sein Herz eingeschlagen und hätte es zertrümmert, um es völlig neu wieder zusammenzufügen. Er war sprachlos.
Die Geräusche von Jason und Henrietta, die eifrig mit ihren neuen Spielzeugen herumhantierten, drangen kaum zu ihm vor. Laut oder leise, sie würden künftig zu seinem Leben dazugehören.
Harold sah Annette in die Augen, drückte ihre Hände und sagte strahlend: „Danke. Das ist das wunderbarste Geschenk, das ich jemals bekommen habe.“