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Leseproben/Kurzgeschichten


Der Wind wehte feuchtkalt durch die Straße und zerrte an den letzten Blättern des Weins, der seine rote Farbe verloren hatte und nun die fast nackten Ranken dem Auge des Betrachters feil bot.

Ariane fröstelte und sah ungeduldig auf ihre Uhr. Der Bus würde sich wieder einmal verspäten. Sie hörte das Hüsteln und Flüstern der anderen Wartenden. Füße scharrten, um die einziehende Kälte zu vertreiben.  Kurz blieb ihr Blick an dem jungen Mann hängen, der seit einigen Monaten ebenfalls mit diesem Bus fuhr. Er lächelte sie an und Ariane lächelte zögernd und kaum merklich zurück, bevor sie ihren Blick wieder auf die berankte Wand auf der anderen Straßenseite heftete.

Sie hoffte, dass er sie nicht ansprechen würde. Aus diesem Grund sah sie auch starr gerade aus, scheinbar vertieft in das Muster, das die bizarr gewundenen Weinranken auf die Mauer gegenüber gezeichnet hatten.

Mit ein bisschen Fantasie könnte man eine Geheimschrift erkennen, dachte sie bedauernd. Ähnlich der, die das Leben für Ariane bisher geschrieben hatte. Es war ihr bis heute nicht gelungen, darin zu lesen und Antworten zu finden.

Ein kräftiger Windstoß schickte Ariane neue Kälteschauer durch ihre dünne Jacke. Wenn nur der blöde Bus bald käme!

Christian sah, wie die junge Frau schildkrötengleich die Schultern hob und den Kopf einzog. Anfangs hatte er sie für arrogant gehalten, aber inzwischen ahnte er, dass dies ein Irrtum war. Ihre innere Farbe war meist orange, niemals von dem satten Gelb, dass er bei zufriedenen Menschen entdeckt hatte.

Sie hat ihre Eltern besucht. Mehr aus Pflichtgefühl, denn aus Liebe.
Sorgfältig schließt sie die Gartenpforte hinter sich, wohlwissend, dass ihre Mutter hinter der Wohnzimmergardine steht und sie beobachtet. Sie überlegt, kurz zu winken, lässt es dann aber.
Nach Hause sind es nur etwa zwei Kilometer. Die Sonne malt schon längere Schatten auf das schadhafte Pflaster, aus dem hier in der Siedlung die Fußwege bestehen.
Sie weiß, dass sie sich beeilen muss und geht zügig. Vorbei an hübsch gepflegten Gärten, in denen die ersten Rosen blühen. Als sie das orangefarbene Haus passiert, das, wie sie weiß, Herrn Maier und seiner Frau gehört, erklingt der Ruf eines Vogels. Ein ganz besonderer und lauter Ruf. Sie kann sich gar nicht vorstellen, was das für ein Vogel sein könnte. Etwas Größeres. Ein Eichelhäher vielleicht?
Ihr Schritt verharrt, während sie lauscht, ob der Vogel noch einmal ruft. Sie denkt daran, dass sie Herrn Maier nicht mag. Nicht dass er ihr je etwas getan oder mehr als zehn Worte am Stück mit ihr gewechselt hätte. Es ist der Ton, in dem er mit seiner Frau spricht, sie zurechtweist, sie klein macht und demütigt. Wenn ihr die Frau gelegentlich begegnet, hat sie so etwas Blasses, etwas Unsichtbares an sich. Als würde sie sich am liebsten ins nächste Erdloch verkriechen.
Manchmal, wenn sie sich im Spiegel ansieht, glaubt sie, Frau Maier zu sehen.

Martha kam gerade aus dem Bad, als es an der Tür klingelte. Wer mochte das nur sein? Um diese Uhrzeit? Am Ostersonntag?

Den ausgeblichenen Bademantel an der Brust zusammen ziehend, öffnete Martha die Tür. Ihr verschlafener Blick wanderte ins Leere. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Nichts rührte sich.

Mürrisch wollte Martha sich bereits abwenden, um noch ein paar Minuten unter die warme Bettdecke zu kriechen, da fiel ihr vor der gegenüber liegenden Tür ein Osternest auf. Darin lag ein ziemlich großes Ei, leuchtend bunt bemalt.

In der Dämmrigkeit des Treppenhauses pulsierten die Farben des Eies in schnellem Rhythmus. Als ob sie lebten.

Interessant!

Martha wurde sogleich ein bisschen munterer. Das musste sie sich näher betrachten!

Fragen Sie sich gerade, wer sich hinter diesen alten deutschen Namen versteckt? Ich verrate es Ihnen – meine zwei Opas sind es nicht. Leider sind sie schon lange verstorben. 

Einer der beiden, von denen diese Geschichte hier handelt, könnte allerdings tatsächlich ein Opa sein. Ich weiß nicht, wie alt Karpfen werden können. Auf manchen Bildern sieht man ja strahlende Angler, die mit einem glücklich-überraschten Lächeln einen riesigen, moosbedeckten Karpfen hochhalten, der nicht nur Moos, sondern auch einige Lebenszeit auf dem Buckel hat.

Nun, so alt ist unser Erwin noch nicht, obwohl er schon etliche Jahre in unserem Teich lebt und eine beachtliche Statur hat. Bis zum letzten Winter lebte auch eine Spiegelkarpfenfrau mit im Teich. Oder ein männlicher Kumpel… So genau weiß man das bei Karpfen ja nicht. Es gab nie Nachwuchs, durch den wir Sicherheit gewonnen hätten. Naja, vorsichtshalber hatten wir Frau Karpfen auf den Namen Julia getauft. Zur Not hätten wir dann einen Julius daraus gemacht. Diese Frage stellte sich aber nie.

Freddie saß auf der Toilette. Ein langgezogenes, fanfarenähnliches Geräusch ertönte. Obwohl die Fanfare von einem höllischen Gestank begleitet wurde, blickte Freddie zufrieden drein.

Zwischen seinen Füßen hatte es sich Tinker gemütlich gemacht. Sein Fell war neuerdings etwas struppig. Tinker, der eigentlich Stinker hieß. Freddies Enkel Michel konnte das St allerdings nicht aussprechen und deshalb war aus Stinker Tinker geworden. 

Freddie langte nach unten und streichelte Tinkers Fell, ohne dass eine Reaktion erfolgte. Michel war schon sehr lange nicht mehr zu Besuch gekommen. Freddies Augen drohten kurz, feucht zu werden. Aber das konnte natürlich auch mit dem Geruch zusammenhängen, der sich wabernd um Freddie verdichtet hatte, während der sein Geschäft zu Ende brachte. 

Wir wussten, dass wir nicht zuviel Zeit verstreichen lassen durften. Und wir ahnten, dass wir nicht Falks einzige Opfer waren. Wer weiß, wie vielen Frauen er noch Geld aus der Tasche gezogen hatte. Wir wollten Rache, ihm das Handwerk legen und das möglichst schnell.

Deshalb verabredeten wir uns für den nächsten Tag erneut im Eibencafé.

Gislinde und Charlotte kamen pünktlich. Ich hatte bereits in „unserer“ Nische Platz genommen, aber noch nichts bestellt. Mir war schon wieder nach einem ordentlichen Schnaps, aber ich befürchtete, dass dies nicht gerade dazu beitragen würde, einen klaren Kopf zu behalten. Und es machte möglicherweise einen schlechten Eindruck auf meine beiden neuen Freundinnen. Zumindest hoffte ich, dass wir Freundinnen werden würden.

Also bestellte ich einen großen Kaffee und ein Stück von der leckeren Schwarzwälder, die sie hier selber machen.

Die Beiden taten es mir gleich.  Der Moment, den es dauerte, bis unsere Bestellungen kamen, fühlte sich merkwürdig an. Gestern waren wir in unserer Not sehr vertraut miteinander. Nun, mit etwas zeitlichem Abstand, waren sie mir fremd. Wir kannten uns nicht. Mir wurde klar, dass wir sehr ehrlich miteinander sein und uns auch vertrauen mussten, sonst wären alle Überlegungen von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Gislinde hatte offenbar ähnliche Gefühle. Sie fasste es so gut zusammen, als hätte sie mir die Worte einzeln aus dem Mund geklaubt. Ich hätte sie küssen können.

Triggerwarnung: Gewalt in und nach der Ehe

Zuerst höre ich nur ein langgezogenes Schluchzen. Eins jener Geräusche, die aus der tiefsten Tiefe der Seele kommen. Eins, das nicht nach Aufmerksamkeit heischt, sondern einen Schmerz ausdrückt, den wir nur selten und nur bei sehr großer Trauer empfinden. Die Stimme ist weiblich. Ich kenne sie nicht. Wer hier anruft, bleibt anonym. Und dennoch schneidet mir dieses Schluchzen mit scharfen Messern ins Herz, nimmt mich mit, lässt mich fühlen, wie schwer die Anruferin an ihrem Problem zu tragen hat.

Ich höre zu, versichere der Frau, dass ich in der Leitung bleiben werde und sie ihren Schmerz herauslassen darf und ich warte, bis sie sich in der Lage sieht, zu sprechen. Noch weiß ich nicht, was geschehen ist. Vielleicht kommt es darauf auch gar nicht an. Am anderen Ende der Leitung ist ein Mensch in höchster Not und das ist alles, was zählt.