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Leseproben/Kurzgeschichten


Martha kam gerade aus dem Bad, als es an der Tür klingelte. Wer mochte das nur sein? Um diese Uhrzeit? Am Ostersonntag?

Den ausgeblichenen Bademantel an der Brust zusammen ziehend, öffnete Martha die Tür. Ihr verschlafener Blick wanderte ins Leere. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Nichts rührte sich.

Mürrisch wollte Martha sich bereits abwenden, um noch ein paar Minuten unter die warme Bettdecke zu kriechen, da fiel ihr vor der gegenüber liegenden Tür ein Osternest auf. Darin lag ein ziemlich großes Ei, leuchtend bunt bemalt.

In der Dämmrigkeit des Treppenhauses pulsierten die Farben des Eies in schnellem Rhythmus. Als ob sie lebten.

Interessant!

Martha wurde sogleich ein bisschen munterer. Das musste sie sich näher betrachten!

Fragen Sie sich gerade, wer sich hinter diesen alten deutschen Namen versteckt? Ich verrate es Ihnen – meine zwei Opas sind es nicht. Leider sind sie schon lange verstorben. 

Einer der beiden, von denen diese Geschichte hier handelt, könnte allerdings tatsächlich ein Opa sein. Ich weiß nicht, wie alt Karpfen werden können. Auf manchen Bildern sieht man ja strahlende Angler, die mit einem glücklich-überraschten Lächeln einen riesigen, moosbedeckten Karpfen hochhalten, der nicht nur Moos, sondern auch einige Lebenszeit auf dem Buckel hat.

Nun, so alt ist unser Erwin noch nicht, obwohl er schon etliche Jahre in unserem Teich lebt und eine beachtliche Statur hat. Bis zum letzten Winter lebte auch eine Spiegelkarpfenfrau mit im Teich. Oder ein männlicher Kumpel… So genau weiß man das bei Karpfen ja nicht. Es gab nie Nachwuchs, durch den wir Sicherheit gewonnen hätten. Naja, vorsichtshalber hatten wir Frau Karpfen auf den Namen Julia getauft. Zur Not hätten wir dann einen Julius daraus gemacht. Diese Frage stellte sich aber nie.

Freddie saß auf der Toilette. Ein langgezogenes, fanfarenähnliches Geräusch ertönte. Obwohl die Fanfare von einem höllischen Gestank begleitet wurde, blickte Freddie zufrieden drein.

Zwischen seinen Füßen hatte es sich Tinker gemütlich gemacht. Sein Fell war neuerdings etwas struppig. Tinker, der eigentlich Stinker hieß. Freddies Enkel Michel konnte das St allerdings nicht aussprechen und deshalb war aus Stinker Tinker geworden. 

Freddie langte nach unten und streichelte Tinkers Fell, ohne dass eine Reaktion erfolgte. Michel war schon sehr lange nicht mehr zu Besuch gekommen. Freddies Augen drohten kurz, feucht zu werden. Aber das konnte natürlich auch mit dem Geruch zusammenhängen, der sich wabernd um Freddie verdichtet hatte, während der sein Geschäft zu Ende brachte. 

Wir wussten, dass wir nicht zuviel Zeit verstreichen lassen durften. Und wir ahnten, dass wir nicht Falks einzige Opfer waren. Wer weiß, wie vielen Frauen er noch Geld aus der Tasche gezogen hatte. Wir wollten Rache, ihm das Handwerk legen und das möglichst schnell.

Deshalb verabredeten wir uns für den nächsten Tag erneut im Eibencafé.

Gislinde und Charlotte kamen pünktlich. Ich hatte bereits in „unserer“ Nische Platz genommen, aber noch nichts bestellt. Mir war schon wieder nach einem ordentlichen Schnaps, aber ich befürchtete, dass dies nicht gerade dazu beitragen würde, einen klaren Kopf zu behalten. Und es machte möglicherweise einen schlechten Eindruck auf meine beiden neuen Freundinnen. Zumindest hoffte ich, dass wir Freundinnen werden würden.

Also bestellte ich einen großen Kaffee und ein Stück von der leckeren Schwarzwälder, die sie hier selber machen.

Die Beiden taten es mir gleich.  Der Moment, den es dauerte, bis unsere Bestellungen kamen, fühlte sich merkwürdig an. Gestern waren wir in unserer Not sehr vertraut miteinander. Nun, mit etwas zeitlichem Abstand, waren sie mir fremd. Wir kannten uns nicht. Mir wurde klar, dass wir sehr ehrlich miteinander sein und uns auch vertrauen mussten, sonst wären alle Überlegungen von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Gislinde hatte offenbar ähnliche Gefühle. Sie fasste es so gut zusammen, als hätte sie mir die Worte einzeln aus dem Mund geklaubt. Ich hätte sie küssen können.

Ihre Augen hätte er unter Tausenden erkannt. Sie war es. Annette. Etwas rundlicher war sie geworden, fraulicher, immer noch schön. Vielleicht war ihr Lächeln nicht mehr das, welches sie als Fünfzehnjährige hatte. Aber es war unverkennbar Annette.

Harold hätte sich am liebsten hinter dem großen Weihnachtsmann versteckt, der vorne aufgehängt war, um Kunden anzulocken. Aber Annette beachtete ihn gar nicht.

Zum ersten Mal in seinem Leben war Harold froh, dass er sich so verändert hatte. Er schämte sich. Nicht nur für seine Figur, sondern auch dafür, was er aus seinem Leben gemacht hatte. Oder besser: nicht gemacht hatte. Annette wäre bestimmt enttäuscht. Dabei war sie die Ursache dafür, dass er gefressen und gefressen hatte, bis er einem Ochsenfrosch glich. Natürlich war sie nicht direkt schuld. Natürlich nicht. Was konnte eine Fünfzehnjährige dafür, wenn ihre Eltern beschlossen, von heute auf morgen die Stadt zu verlassen?

Er hatte nie wieder etwas von ihr gehört, keine WhatsApp-Nachricht, keine SMS, kein Anruf. Nichts. Annette war spurlos verschwunden und der Kummer darüber hatte Harold völlig aus der Bahn geworfen.

Vor dem Verkaufsstand flanierten Besucher mit heißen Krapfen in der Hand oder Tüten mit gebrannten Mandeln, deren Duft bis zu Harold drang. Annette nahm eine der Wichtelfiguren in die Hand, die er hier anbot. Sie drehte das Figürchen hin und her und lächelte dabei.

Triggerwarnung: Gewalt in und nach der Ehe

Zuerst höre ich nur ein langgezogenes Schluchzen. Eins jener Geräusche, die aus der tiefsten Tiefe der Seele kommen. Eins, das nicht nach Aufmerksamkeit heischt, sondern einen Schmerz ausdrückt, den wir nur selten und nur bei sehr großer Trauer empfinden. Die Stimme ist weiblich. Ich kenne sie nicht. Wer hier anruft, bleibt anonym. Und dennoch schneidet mir dieses Schluchzen mit scharfen Messern ins Herz, nimmt mich mit, lässt mich fühlen, wie schwer die Anruferin an ihrem Problem zu tragen hat.

Ich höre zu, versichere der Frau, dass ich in der Leitung bleiben werde und sie ihren Schmerz herauslassen darf und ich warte, bis sie sich in der Lage sieht, zu sprechen. Noch weiß ich nicht, was geschehen ist. Vielleicht kommt es darauf auch gar nicht an. Am anderen Ende der Leitung ist ein Mensch in höchster Not und das ist alles, was zählt.

Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich fühlte, als mich diese Frau am Arm nahm und ins Café bugsierte. Wir trugen beide den gleichen Ring. Falks Ring.

Sie stellte sich mir als Charlotte vor, was das „Du“ sofort besiegelte. Charlotte sah sympathisch aus, keine Frage. Und sie hatte gütige Augen, die mit ihrem bleichen Gesicht stark kontrastierten. Vermutlich war ich ebenso bleich.

Wir setzten uns in eine Nische, damit wir ungestört reden konnten. Und das war nötig! Meine Beine fühlten sich an, als seien sie knochenlos. Charlotte orderte zwei Kaffee mit Rum, was mir nur recht war. Ich legte vorsichtig meine Hand mit dem Ring auf den Tisch. Charlotte legte ihre daneben. Nein, wir hatten uns nicht getäuscht. Der gleiche herzförmige Stein, der gleiche dünne Reif.

„Bist du auch verlobt mit Falk?“

Ich schüttelte den Kopf. Dann kamen Gott sei Dank die beiden Kaffeetassen, schön mit einem Sahnehäubchen verziert. Wer uns sah, sah vermutlich zwei Freundinnen, die es sich an einem schönen sonnigen Tag gemeinsam gemütlich machten und nicht zwei unglückliche Konkurrentinnen.

„Nein. Nicht verlobt. Aber fast.“