Leseproben/Kurzgeschichten
Die Waage (nach einer wahren Geschichte)
Tante Inges Gesicht schwebt dicht vor meinem. Rund um die Nase ist ihre Haut großporig und gerötet. Ihre Augen mit den getuschten Wimpern sind weit aufgerissen, ebenso wie ihr Mund, aus dem es infernalisch riecht.
Mir bricht der Schweiß aus. Ich wälze mich hin und her, um Tante Inges Anblick zu entkommen. Ich weiß schon, was als nächstes folgt. Triumphierend schwenkt sie die quadratische Tasche, vor deren Inhalt ich panische Angst habe. Schon immer. Ich beginne zu wimmern und endlich holt mich Robert aus diesem Alptraum heraus. Er rüttelt mich und als ich ihn verständnislos ansehe, nimmt er mich in den Arm.
„Wieder dieser blöde Traum? Wieder Inge?“
Ich nicke, den Kopf an seine Brust gelehnt. Das kleine Lämpchen auf dem Nachttisch wirft einen Kreis warmen Lichts auf die Oberfläche.
Robert reicht mir ein Glas. „Trink etwas, Laurie.“
Ich nehme einen Schluck. Das Wasser schmeckt ein bisschen schal und ich merke, dass ich viel mehr Appetit auf einen heißen Kakao hätte.
Ich gebe Robert einen schnellen Kuss und schiebe die Füße aus dem Bett. Wenig später stehe ich im Morgenmantel in der Küche, erhitze Milch und rühre Kakao und Zucker ein. Auf der Tasse steht „Ein schöner Tag“.
Ich weiß gerade nicht, ob das die richtige Tasse für diesen Anlass ist, aber ich bin zu faul, den Kakao umzugießen.
Diesen Traum mit Tante Inge habe ich lange nicht gehabt. Er begleitet mich schon viele Jahre, obwohl ich mir gar nicht erklären kann, warum Tante Inge und ihre Tasche mir solches Unbehagen bereiten. Angst wäre vermutlich die bessere Bezeichnung. Ich habe Tante Inge ewig nicht gesehen. Dass sie mir im Traum irrlichtert und ich den Grund nicht kenne, erleichtert die Sache nicht.
Tante Inge ist die ältere Schwester meiner Mutter. Es gibt noch zwei andere Schwestern. Aber Inge gibt auf Grund ihres Altersvorsprungs stets den Ton an. Zusammen haben die vier Schwestern neun Kinder, acht davon Mädchen, ich und meine Cousinen.
Ich merke, wie mir bei dem Gedanken an meine Cousinen der Hals eng wird. Auch das ist etwas, das ich schon lange mit mir herumtrage, obwohl ich es nicht erklären kann. Wir haben, seit ich volljährig bin, so gut wie keinen Kontakt und trotzdem habe ich einen riesigen Kloß im Hals, wenn ich daran denke, dass ich sie wiedersehen müsste.
Tatsächlich steht ein Wiedersehen im Raum. Tante Inge wird achtzig und hat eingeladen. In ihrem Brief steht ausdrücklich, dass sie keine Ausreden gelten lässt und darauf besteht, dass alle erscheinen.
Sie möchte noch einmal in ihrem Leben alle Verwandten um sich scharen und alte Familientraditionen hochleben lassen.
Da ist er wieder, der kalte Schweiß. Meine Hand zittert, der Kakao schwappt in der Tasse, die ich gerade noch abstellen kann, bevor mich die Übelkeit würgt.
Alte Traditionen. Ich weiß nicht, was sie meint, aber schon der Gedanke drückt mir den Kakao die Speiseröhre hoch. Ich hechte zum Spülbecken.
Während ich zusehe, wie die braune schaumige Brühe im Abfluss verschwindet, tropft mir der Schweiß von der Stirn. Er überzieht auch meinen restlichen Körper und macht, dass ich nun mit den Zähnen klappere. Mir ist so kalt!
Ich krieche zurück ins Bett zu Robert, der leise schnorchelt, und kuschle mich fest an ihn heran. Robert ist mein Fels, mein Kuschelbär, mein Vertrauter. Ich würde ihm alles erzählen, was mich so panisch werden lässt, aber ich kann es nicht. Es hat etwas mit Früher zu tun. Über Vielem aus meiner Kindheit und Jugend liegt ein Schleier. Das ist kein gutes Gefühl, aber ich komme trotzdem durchs Leben. Ich weiche Situationen aus, in denen ich die Familie wiedersehen müsste. Meine Mutter hat das inzwischen zähneknirschend akzeptiert. Sie hat ja doch keine Chance, weil Robert sich schützend vor mich stellt. Er weiß, da war irgendetwas und auch wenn ich es nicht benennen kann, steht er zu mir.
Am nächsten Morgen sitzen wir beim Frühstück, als Robert meint: „Weißt du eigentlich, dass du jetzt jede Nacht diesen Alptraum hattest, seit diese vermaledeite Einladung gekommen ist?“
Ich nicke. Es ist mir schon klar geworden, dass Tante Inges Brief alte Wunden geöffnet hat. Ich weiß nur nicht, welche das sind.
Wir überlegen gemeinsam, ob wir uns ihrer Forderung beugen und zu diesem Fest gehen werden, das wahrscheinlich kein Fest werden wird, an dem ich Freude habe. Eher nicht. „Andererseits“, sagt Robert, „können wir so vielleicht herausbekommen, was dich so quält. Du bist jetzt fast fünfzig Jahre alt. Es wäre Zeit, die Angst zu beenden. Vielleicht wird’s ja sogar schön?“
Kognitiv weiß ich, dass er recht hat. Aber ich fange schon bei dem Gedanken an zu beben. Meine Hand umkrampft die Kaffeetasse. Ich schließe die Augen und sehe sofort Tante Inges Blick. Er besteht aus einer Mischung von Triumph und Häme und ich kenne ihn gut.
„Ich bin ja bei dir. Und wenn es gar nicht funktioniert, können wir sofort gehen. Niemand kann dich zwingen, dort zu bleiben, Laurie.“
Aus meiner Verzagtheit wird Wut. „Wenn ich doch nur wüsste …!“
„Es hat ja scheinbar mit dieser Tasche zu tun, von der du mir erzählt hast. Meinst du, die existiert nach all den Jahren überhaupt noch?“
Wenn es nicht so ernst wäre, würde ich wahrscheinlich kichern. Robert hat recht. Das olle Ding wird inzwischen das Zeitliche gesegnet haben. Und ich bin erwachsen genug, Tante Inges Blick standzuhalten.
Nachdem mich drei weitere Nächte dieser blöde Alptraum quält, beschließen wir, der Einladung zu folgen. Ich brauche Gewissheit und ich weiß, es wird wie König Heinrichs Gang nach Canossa werden. Die Abtrünnige kehrt in den Schoß der Familie zurück.
Wenn ich nur wüsste, warum mich schon der Gedanke fertig macht. Ich bin nämlich ein Familienmensch durch und durch. Unsere drei Kinder, die inzwischen ebenfalls Kinder haben, sind gern mit uns zusammen und wir mit ihnen. Selbst mit den Schwiegereltern der beiden Großen verstehen wir uns blendend. Ich habe, wenn wir zusammentreffen, immer ein warmes Gefühl in mir und genieße es sehr.
Das geht mir bei der Familie, aus der ich stamme, überhaupt nicht so. Treffe ich zufällig mal jemanden in der Stadt, habe ich stets das Bedürfnis, die Begegnung ganz schnell zu beenden. Sie sind nett, ja, aber in ihren Blicken lese ich Skepsis, spüre, dass sie mich nicht anerkennen. Und nun soll ich sie alle in geballter Ladung treffen?
Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Dennoch… Nachts sehe ich ihre unglücklichen Gesichter vor mir. Sie sind alle hundsbeindürr, wie Tante Inge und meine Mutter auch. Ich dagegen habe nach der dritten Schwangerschaft aufgegeben, um meine alte Figur zu kämpfen. Gottverdammt, ich habe drei Kinder geboren, da muss ich mich nicht noch geißeln! Seitdem habe ich ein besseres Verhältnis zu mir gewonnen und genieße es, zu essen, was ich möchte und Kleidung zu tragen, die bequem ist. Was solls?
Für die Feier habe ich mich neu eingekleidet. Nicht, weil ich nichts Passendes hätte. Ich möchte einfach nur schön sein. Eine nette Verkäuferin hat mich beraten und mir geholfen, ein tolles Outfit zusammenzustellen. Wenn der Anlass nicht so makelbehaftet wäre, würde ich mich direkt freuen, es endlich einmal auszuführen.
Es ist wichtig, mich rundum wohlzufühlen, wenn ich in die Höhle des Löwen gehe. Robert meinte, dass wir es auch bleiben lassen können. Aber ich will es durchstehen, mit aller Macht. Vielleicht wendet sich etwas zum Guten.
Da es mir zuwider ist, ein liebevolles Geschenk für Tante Inge zu kaufen, bestellen wir einen Strauß Blumen. Das ist unverbindlich und kann trotzdem Freude bereiten.
Meine Kinder sind nicht zur Feier eingeladen, deshalb müssen Robert und ich allein hingehen. Ich habe mir die Haare schön gemacht, mich dezent geschminkt und finde mich in den neuen Sachen sehr schön. Robert macht mir an der Tür zu dem Restaurant, in dem Tante Inge feiert, noch ein entsprechendes Kompliment und dann legt er mir die Hand auf den Rücken, um mir zu signalisieren, dass er für mich da ist.
Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter. Ja, ich will es jetzt wissen. Ich hoffe nur, dass ich nicht vor allen Anwesenden aus den Latschen kippe.
Der Saal ist ziemlich groß. Zunächst erkenne ich niemanden. Ich habe sie ja alle lange nicht gesehen. Dann kommt Aurelie, Inges älteste Tochter auf mich zu. Sie ist zwar nur wenige Jahre älter als ich, aber sie sieht aus, als hätte sie ein anstrengendes Leben gehabt. Trotzdem ist sie so herzlich, wie ich sie in Erinnerung habe.
„Laurentia, schön, dass du da bist. Und das ist wohl dein Mann?“ Sie schüttelt Robert die Hand, der wie ein Offizier der alten Schule die Hacken zusammenknallt und sich kurz verbeugt. Innerlich muss ich grinsen. Ich bin froh, dass er neben mir ist.
Nun erblicke ich auch Tante Inge, die genauso wie in meinem Traum aussieht. Nur, dass sie deutlich mehr Falten bekommen hat in den letzten dreißig Jahren und noch mehr einem Kleidergestell ähnelt, als früher. Ist denn da überhaupt noch etwas Fett an diesem Körper? Ich kann nichts entdecken, muss mich aber konzentrieren, freundlich zu gucken und zu gratulieren. Robert überreicht unseren Blumenstrauß und flüstert mir anschließend zu: „Bei so einer Tante hätte ich auch Alpträume.“
Wir kichern beide.
Anschließend begrüßen wir meine Mutter und danach die anderen Verwandten. Die Männer meiner Cousinen sehen nett aus, auch mein einziger Cousin begrüßt uns freundlich. Im Gegensatz zu seiner Mutter wirkt er nicht gekünstelt, er freut sich ehrlich, mich zu sehen.
Meine anderen Cousinen sind nett, aber distanziert. Ihre Blicke sprechen Bände. Gegen sie wirke ich wie ein Walfisch und fühle mich auch ein bisschen so. Robert scheint es zu merken und flüstert mir zu: „Diese dürren Weiber sind nicht mal ansatzweise so schön wie du. Ich liebe dich, Laurie.“
Das gibt mir Kraft, diesen Begrüßungsmarathon durchzustehen und das Lächeln auszuhalten, das sich inzwischen schmerzhaft in mein Gesicht gegraben hat. Nimmt denn das gar kein Ende?
Nachdem wir auch den letzten Onkel und das letzte von Inges Enkelkindern begrüßt und einen Platz in der Runde gefunden haben, lasse ich meinen Blick schweifen. Von Tante Inges blöder Tasche keine Spur.
Ich bin erleichtert und kann mich sogar auf die Rede des Geburtstagskindes konzentrieren, die mich, das schwarze Schaf der Familie, ausdrücklich erwähnt. Noch wirkt sie freundlich, aber ich merke, dass eine komische Stimmung im Saal ist. Bin ich womöglich nicht die Einzige, die sich hier nicht besonders wohl fühlt?
Meine Anspannung will trotzdem von mir abfallen. Der Sekt, mit dem wir anstoßen, entspannt mich etwas. Ich glaube, wenn jetzt nichts Dramatisches passiert, kann ich den Nachmittag und den Abend durchhalten. Smalltalk werde ich schon hinbekommen. Robert lächelt und zwinkert mir zu. Er sieht die Gefahr wohl gebannt. Wahrscheinlich wundert er sich, warum ich mich so lange vor einem Zusammentreffen mit der Familie gedrückt habe. Ich kenne den Grund ja selbst nicht.
Meine Erinnerung wird jedoch jäh geweckt, als Tante Inge mit ihren letzten Worten unter den Tisch greift und eine quadratische Tasche hervorholt. Es ist nicht die Tasche von damals. Aber Form und Größe sind identisch.
Mir stockt der Atem. Roberts Blick spricht Bände. Das darf doch nicht wahr sein!
„In Erinnerung an unsere schönen alten Traditionen“, sagt das Monster gerade, „habe ich etwas mitgebracht.“
Ich kann nicht weiter zuhören, weil ich um Luft ringe. Mir ist heiß und kalt zugleich. Ich kann nur zusehen, wie das Monster eine Personenwaage aus dieser hässlichen Tasche zieht, die genauso hässlich ist, wie ihre Seele. Gerade kann ich mich noch an der Tischkante festhalten. Robert legt seine Hand über meine. „Es ist eine Waage?“
Ich habe Mühe zu nicken, bin wie versteinert.
Als das Monster nun auch noch ein schwarzes Notizbuch aus der Tasche zieht, ploppt in mir etwas auf. Wobei „Ploppen“ es nicht annähernd trifft. Ich möchte schreien. In mir öffnet sich ein Abgrund und wie bei einem Vulkan, der am Beginn seines Ausbruchs steht, sprudeln erste Erinnerungsstücken leise an die Oberfläche. Der Sprudel wird immer stärker.
Ich fühle, was ich so lange nicht gefühlt habe, was ich so lange verdrängt habe. Angst. Die Demütigungen von damals branden in mir hoch. Es fühlt sich an, als stände ich an einer Klippe, unter mir die Gischt des Meeres, die an die Felsen prallt. Das Meer schäumt und zieht mit jeder Welle ein Stück des Schleiers von meiner Vergangenheit hinab in die dunkle Tiefe.
„Nein, Mutter!“ Aurelias Schrei hallt durch den Saal und dringt sogar bis in mein vernebeltes Hirn, mein bebendes Ich vor.
Aurelia springt auf und stürmt auf ihre Mutter zu, die wie erstarrt steht. Ich selbst kann auch keinen Finger rühren. In meinem Kopf drehen sich die Bilder. Diese elende Tradition! Sie ist womöglich auf Tante Inges eigenem boshaften Nährboden gewachsen. Ich erinnere mich, während Aurelia wie in Zeitlupe bei ihrer Mutter ankommt und die Waage auf dem Boden zerschmettert. Ich sehe uns jungen Mädchen einzeln auf die Waage treten, sehe Tante Inges erhobenen Zeigefinger, wenn sie uns für zu fett befand. Heute weiß ich, dass fünfzig Kilogramm bei einer Körpergröße von einem Meter siebzig nicht zu fett ist. Die Demütigung, die uns Mädchen und auch Frauen bei jeder Familienfeier ereilte, vor versammelter Mannschaft gewogen zu werden, hat sich tief in mich eingebrannt. Was haben wir vor solchen Tagen gehungert! Was haben wir danach gelechzt, einen freundlichen Blick und ein Lob von Tante Inge zu bekommen und nicht als Gierschlund und Mensch ohne Willen abgestempelt zu werden.
Während die Splitter der Waage durch den Saal hüpfen, erinnere ich mich auch, dass die Jungen und Männer dieser Schmach nicht ausgesetzt wurden, was die Prozedur noch erniedrigender machte.
Aurelia reißt nun das Notizbuch aus Tante Inges Hand und zerfetzt es. Das bringt den Damm, hinter dem ich all die Jahre meine Gefühle aufgestaut habe, zum Bersten. Ich schreie. Schreie mir die Seele aus dem Leib und sehe zu, wie Aurelia die Ärmel ihrer schönen Bluse hochschiebt und Narben herzeigt, die dort nicht sein sollten. Aurelia hat sich ebenfalls geritzt. Das wusste ich nicht. Ich dachte, ich wäre allein mit meiner Pein.
Diese Narben, die auch meine Unterarme hässlich machen und mich immer wieder daran erinnern, wie unglücklich ich damals war. Wie oft musste ich hungrig ins Bett, weil meiner Mutter sich Tante Inges Diktat beugte. Weiß Gott, sie hat ebenfalls gehungert, daran erinnere ich mich. Dass ich noch viele Jahre unter der Mangelernährung gelitten und kein gesundes Verhältnis zu Essen entwickeln konnte, daran trägt auch sie Schuld.
Ich schreie immer noch, aber mir wachsen dabei Flügel. Die entsetzten Blicke meiner anderen Cousinen und der übrigen Verwandten sind mir egal. Ich schiebe mich mit meinem Hinterteil quer über den Tisch, näher zu Aurelia, die weint und schreit. Gläser gehen zu Bruch, es ist mir gleichgültig. In mir ist so eine unglaubliche Wut.
Ich nehme ein Bruchstück der zerschmetterten Waage und werfe es mit Schmackes nach Tante Inge. Ein weiteres Stück werfe ich nach meiner Mutter, die mit offenem Mund daneben sitzt. Das Plastik ritzt ihr die Wange auf.
Aurelia und ich müssen aussehen wie Furien mit feurigen Augen und feuerspeiendem Mund. Es tut so gut, die Empörung herauszulassen, diese unbändige Wut.
Nun liegen wir beiden uns in den Armen. Um uns herum beginnt ein Raunen. Entrüstung. Ich höre aber auch Beifall. Im Moment kann ich mir keine Gedanken darüber machen, was andere über uns denken. Ich fühle mich frei.
Aurelia lächelt. „Gut gebrüllt, Löwin!“
Und dann verlassen wir Hand in Hand diesen Saal des Grauens. Grad sehe ich noch Robert, der mich mit rotem Kopf anstrahlt und die Daumen nach oben reckt.
Draußen bleiben wir vor dem türhohen Spiegel stehen und sehen hinein. Wir erblicken zwei Frauen um die Fünfzig, mit feuerroten Gesichtern und zerlaufenem Makeup. Mein Hechter über den Tisch hat die Naht meines Kleides in der ganzen Länge aufplatzen lassen und Aurelia hat eine Schmarre unter der Nase, die vermutlich von einem Stück der Waage stammt. Wir sehen zerknittert aus, verheult , angeschwollen und doch gleichzeitig glücklich.
Ich drücke Aurelia noch einmal. „Danke!“
Ein Betrüger wird betrogen (Teil 8, das Finale)
„Komm thon!“ Gislindes Aufregung machte sich bemerkbar. Sonst skandierte sie ihren imaginären Einkaufszettel in den unterschiedlichsten Tonlagen, um sich die einzelnen Dinge besser merken zu können. Jetzt verfiel sie unwillkürlich in diese Angewohnheit. Es war aber auch aufregend!
Ramona, Falks Noch-Ehefrau, schwebte in einem wadenlangen Kleid aus halbdurchsichtigem Stoff durch den Raum und plauderte mit den Gästen, die in kleinen Grüppchen umherstanden. Gislinde mit Perücke und einem Tablett voller Gläser bewaffnet, schob sich durch die Menge und hielt Ausschau nach Marias Nichte, die eigentlich jetzt ihren Auftritt haben sollte. Eigentlich. Wo blieb Kassandra nur?
Kassandra hatte sich bereit erklärt, den Köder zu spielen, als sie von dem Fiasko hörte, das Falk angerichtet hatte. Verständlicherweise wollte sie jedoch nicht allein in die Höhle des Löwen gehen und da Charlotte mit ihrer ausgeprägten Figur und Maria wegen ihrer Größe zu auffällig gewesen wären, fiel die Wahl auf Gislinde. Gislinde wusste nicht, ob das nun gerade schmeichelhaft war, erklärte sich aber bereit, als Joker zu fungieren.
Und da war sie! Atemberaubend. Kassandra hatte wohl tief im Kostümfundus des Theaters gegraben oder sie hatte eine teure Boutique geplündert. Gislinde glühte vor Begeisterung. Was für ein toller Hosenanzug! Das Stück sah aus, als ob es original aus den 70er Jahren stammte. Um den riesigen Hosenschlag hätte wohl selbst ABBA Marias Nichte beneidet.
Dazu trug sie hohe Plateausandalen und einen breitrandigen Hut. Alles in einem fast weißen Beige und mit einer Eleganz getragen, die beeindruckend war. Das fanden wohl auch einige der Gäste, die sich neugierig zu Kassandra herumdrehten und sie unverhohlen anstarrten. Kassandra war als Schauspielerin solchen Aufruhr gewohnt und steuerte unerschrocken auf Ramona zu, die sie herzlich begrüßte. Küsschen hier und Küsschen da. Gislinde war so beeindruckt, dass sie fast vergessen hätte, ihre Rolle weiterzuspielen.
Und wer konnte den Leibwächter übersehen, der nach Kassandra eingetreten war?
Gislinde blieb die Spucke weg. Sie guckte noch einmal genauer hin. Das war doch… Maria im schwarzen Anzug und mit Glatze. Am Kinn ein kleines Bärtchen und auf der Nase eine stylische Sonnenbrille.
Nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte Gislinde gedacht, dass Maria ihre Haarpracht für dieses Paradestück opfern würde. Was für ein… Nicht zu fassen!
Maria grinste Gislinde zu und nahm ein Glas Champagner von ihrem Tablett. Das löste Gislindes Staunen etwas. „Wow!“, flüsterte sie. „Wow.“
In diesem Moment betrat Falk die Bühne. Falk, der Betrüger. Falk, der heute selbst zum Opfer werden sollte. Wenn alles nach Plan lief.
Gislinde duckte sich mit ihrem Tablett weg, als Ramona mit Kassandra im Schlepptau auf Falk zusteuerte. Aber natürlich entging ihren gespitzten Ohren nichts.
„Falk, mein Lieber!“ Ramona gurrte, wie eine verliebte Taube. „Darf ich dir Joycelette Miller vorstellen?“
Kassandra, alias Joycelette, war eine schöne Frau in den Dreißigern, hatte hinreißend klare Gesichtszüge und eine Figur, um die sie nicht nur Gislinde beneidete. Falk konnte gar nicht anders, als Kassandra bezaubernd zu finden. Gislinde hatte sich hinter ihn geschoben und registrierte seinen eleganten Handkuss.
„Danke, meine Liebe! Nun habe ich auch ein Gesicht zu unserem wundervollen Telefonat.“
Kassandra antwortete in einem Deutsch, das einen starken New Yorker Akzent trug. Gislinde hatte es gut mit ihr eingeübt und freute sich, dass es sich wahrhaftig echt anhörte.
„Vielen Dank, Herr Wiesemann. Nennen Sie mich bitte Joyce. Ich freue mich auch, Sie persönlich kennenzulernen. Sie haben eine ganz charmante Frau und dieses Haus! Ganz wundervoll.“
Falk so nah zu sein, rührte etwas in Gislinde auf. Wut? Enttäuschung? Oder einfach Ärger über sich selbst?
Als sie nun auch noch den Ring ihres Vaters an seiner Hand sah, die er besitzergreifend auf Kassandras Arm gelegt hatte, fiel es ihr schwer, ruhig zu bleiben.
„Bitte nennen Sie mich Falk. Ich bin sehr erfreut, in Ihnen eine so schöne und charmante Dame zu finden. Wollen wir vor dem Vergnügen noch unser kleines Geschäft abschließen? Haben Sie das Collier dabei?“
Kassandra lächelte breit. „Aber selbstverständlich. Mein Beschützer Gabor trägt es für mich.“
Sie wandte sich zu Maria um. Die besaß offensichtlich Nerven aus Stahl, denn sie nickte nur und übergab ein kleines, edles Lederköfferchen, das Gislinde bisher gar nicht wahrgenommen hatte.
Falk schien keinen Verdacht zu schöpfen. Kein Wunder. Marias fehlende störrische Mähne hatte sie derart verändert, dass nicht einmal ihre eigene Mutter sie erkennen würde.
Gislinde staunte immer noch über diesen klugen Schachzug und bemerkte bei der Gelegenheit das Jucken unter ihrer Perücke. Die musste sie so schnell als möglich loswerden. Es war einfach zu warm unter diesem Ding. Sie wandte sich ab und ging ein wenig umher, damit sie den Plan nicht durcheinanderbrachte.
Die Vorbereitung hatte einige Monate gedauert. Ramona entpuppte sich als sympathische und einfallsreiche Person, die sich ihr Mütchen an ihrem treu- und ehrlosen Ehemann kühlen wollte. Von ihr stammte auch die Idee mit dem Jadecollier, das Kassandra heute an Falk verkaufen wollte. Zum Vorzugspreis von dreihunderttausend Euro. Ein Schnäppchen.
Wobei das Jadecollier bei sehr genauer Betrachtung nicht aus Jade bestand und keineswegs historischen Wert hatte.
Aber das wusste Falk natürlich nicht. Eine weitere der zahllosen Nichten von Maria hatte ein Echtheitszertifikat ausgestellt, das mit seinen chinesischen Schriftzeichen absolut überzeugend aussah. Zusammen mit einer gefälschten Übersetzung und Kassandras vorgetäuschtem Fachwissen sowie einer guten Portion Frechheit konnte der Coup gelingen.
Gislindes Knie verflüssigten sich kurz zu einem Pudding. Es war einfach zu spannend.
Sie standen kurz davor, sich von Falk ihr Geld zurückzuholen. Der Mehrerlös sollte in einen Verein fließen, der sich um Betrugsopfer kümmerte. Sie wollten keinen Cent davon behalten. Aber Falk sollte bluten und es musste schmerzhaft sein. Hoffentlich gelang der Plan!
Auf einmal bemerkte sie, dass auf Marias Jackett in Höhe des Schulterblatts eine Art Etikett klebte. Möglicherweise stammte es vom Verleiher des Anzugs? Wenn Falk das bemerkte, sähe das gar nicht gut aus. Es brauchte vielleicht nur so eine Kleinigkeit, um ihn misstrauisch zu machen. Gislinde stellte das Tablett mit den Gläsern vorsichtig auf einem Sideboard ab, um das Etikett unauffällig zu entfernen.
In diesem Moment sprach sie eine Frau an. „Würden Sie mir bitte einen Orangensaft bringen? Frisch gepresst.“
„Äh…“
„Gleich, wenn es möglich ist.“
Verdammt! Nur kein Aufsehen erregen.
„Ja, sehr gerne. Einen Moment bitte.“
Als Gislinde zur Küche ging, sah Ramona sie an. Gislinde riss die Augen auf und zeigte mit dem Finger auf ihr Schulterblatt. Hoffentlich verstand Ramona.
——-
Kassandra begriff, warum die drei Damen Falk so betörend gefunden hatten. Sie selbst wäre auch auf den Charme dieses Menschen hereingefallen. Er besaß vollendete Manieren, sah gut aus, hatte eine angenehme Größe, war gepflegt und intelligent. Ein Prachtstück, mit dem Frau sich nicht schämen musste.
Hoffentlich war er nicht intelligent genug für das, was sie hier vorhatte. Sie beschloss, besonders vorsichtig zu sein und lächelte Falk an. „Wollen wir vielleicht an einen ruhigeren Ort gehen?“
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Ramona Maria etwas von der Schulter pflückte, während Falk sie zur Treppe geleitete, die ein Stockwerk nach oben führte.
„Wartet, ich möchte dabei sein!“
Ramona eilte, gefolgt von Maria, hinter ihnen her und sah dabei aus, wie ein Kind, das ein Bonbon geschenkt bekommen wird.
Kassandra stützte sich leicht auf Falks fürsorglich ausgestreckten Arm, lächelte und nickte ihm zu. „Besten Dank, edler Ritter.“
Oben angekommen führte Falk sie in eine Bibliothek. Der große Raum war in dunklen Tönen gehalten und wurde von einem riesigen Schreibtisch dominiert, auf dem sich lediglich ein altertümliches Schreibset und eine dieser grünen Tischlampen befanden, die sie schon immer toll fand. Der Fuß der Lampe und auch das Schreibset schienen aus massivem Silber gefertigt zu sein. Sehr elegant!
Kassandra legt das Köfferchen mit dem Collier auf dem Schreibtisch ab und sah sich um. „Sie haben es sehr schön hier. So anheimelnd.“ Und das war es auch. Sie mochte den Geruch von Büchern, die hier reichlich in den Regalen standen und auf kleinen Tischchen lagen.
Ramona machte sich an den Vorhängen zu schaffen. „Falk, wir brauchen Licht. Man sieht ja gar nichts.“ Dann knipste sie die Tischlampe an und zog das Köfferchen zu sich, wurde jedoch von Falk gestoppt.
„Lass mich das machen. Du bist immer so ungeschickt. Und schließlich will ich es kaufen, nicht du.“
Eine solche Bemerkung im Beisein einer fremden Frau war nicht besonders galant. Dazu noch in recht scharfem Ton. Kassandra bekam eine Ahnung davon, wie Falks andere Seite aussah. Ihr Mitleid mit ihm hielt sich ohnehin in Grenzen, schrumpfte jetzt aber noch ein bisschen mehr. Ein Betrüger war er. Ein Betrüger bleibt ein Betrüger bleibt ein Betrüger, nicht wahr?
Sie reichte Falk den Schlüssel zum Köfferchen und versuchte die Situation zu entspannen. „Sie werden es Ihrer Frau doch sowieso früher oder später verehren, habe ich Recht?“
Falk sah sich zu einem Lächeln genötigt. „Selbstverständlich. Zu gegebenem Anlass.“
„Nun denn. Bitte öffnen Sie den Koffer. Ich bin gespannt, wie es Ihnen gefällt.“
Falk rückte die Tischlampe zurecht, öffnete den Deckel und hob das Collier andächtig aus seinem Behältnis. Das Grün der Steine war außergewöhnlich.
„Kaisergrün. Ist es nicht wundervoll?“
Falk nickte. „Wunderschön.“
„Wussten Sie, dass die meisten Jadestücke in der Ming-Dynastie entstanden? Dieses Collier datiert jedoch noch davor. Ausweislich des Experten wurde es in der Yuan-Dynastie hergestellt.“
Falk, dessen Sammelleidenschaft sich auf Bronzestatuetten aus beiden Dynastien gründete, nickte. „Ja, das sehe ich.“ Er hob das Collier dichter unter den Lampenschirm. „Wie es schimmert.“
Nun holte Kassandra zum ersten Schlag aus. „Den Lichttest hat es einwandfrei bestanden. Schauen Sie.“ Sie holte aus der Tasche eine Juwelierslupe mit Beleuchtung. „Hier, die fasrigen Ränder. Es ist übrigens Jadeit, kein Nephrit.“
Bevor Falk eine Chance hatte, das Collier zu prüfen, stürzte Ramona sich darauf. „Ach, lass mich! Ich will es ansehen.“ Sie drängte an Falk vorbei, griff sich die Lupe und nahm das Collier an sich.
Kassandra musste sich ein Lächeln verbeißen. Maria alias Gabor, die hinter Falk stand, grinste jedoch breit. Ramona hatte in die Fälschung des Colliers zwar ihr gesamtes Können gelegt, aber falls Falk sich wider Erwarten als Kenner von Jadestruktur entpuppen sollte, doch diesen kleinen Trick vorgesehen. Mit Erfolg. Falk zuckte zurück, als hätte Ramonas Berührung ihn verbrannt.
Kassandra setzte nach. „Wussten Sie, dass Jade Sie vor negativen Einflüssen schützt und auch eine heilende Wirkung hat? Gerade, wenn es am Körper getragen wird, kann es seine Kraft gut entfalten. Und es bringt seinem Besitzer Glück, aber das ist Ihnen sicher bekannt.“
Aus dem unteren Teil des Köfferchens zog sie die Papiere und reichte sie ihm. „Das Originalgutachten und die beeidigte Übersetzung. Schauen Sie“, sie deutete auf eine Passage, „sämtliche Tests bestanden. Und hier…“, sie beugte sich dicht an Falk heran und präsentierte ihr Dekolletee, „die Expertise des Gemmologen.“
Ramona juchzte laut auf. „Oh, wie wunderschön! Du wirst es mir doch zum Geburtstag schenken, nicht wahr?“ Sie hielt das Collier an die Brust und begann, durch den Raum zu tanzen.
Falk sah aus, als ob jemand ihm einen kräftigen Tritt verpasst hätte. „Äh…“.
Kassandra schmunzelte. „Ihre Frau scheint begeistert zu sein. Was meinen Sie, kommen wir ins Geschäft?“
„Ich würde gern noch ein wenig überlegen und die Papiere prüfen.“
Falks Verstand schien sich zu melden. Ein verwirrter Falk würde auf ihre Scharade hereinfallen. Ein Falk, der klar denken konnte, würde vielleicht den Braten riechen. Maria schien zu erkennen, dass Falk zu Verstand kommen könnte. Sie sprach mit einer tiefen Stimme in einer Fantasiesprache, die ungarisch sein konnte. Kassandra antwortete rasch in ebendieser Fantasiesprache. Falk sah sie fragend an, während Ramona begann, laut zu summen.
„Gabor erinnerte mich daran, dass uns die Zeit ein wenig davonläuft. Ich bin nachher noch mit Frank Kollander verabredet.“
Kollander war so etwas wie Falks Gegenspieler. Immer einen Tick erfolgreicher, immer einen Tick einfallsreicher. Falk würde ihm kein Geschäft gönnen.
„Er hat ebenfalls Interesse an dem Collier. Aber Ihrer charmanten Frau zuliebe, wollte ich es Ihnen natürlich zuerst anbieten.“
Der Trick schien zu funktionieren. „Wieviel soll es denn kosten?“
Kassandra setzte sich mit einer Pobacke auf den Schreibtisch und ließ ein Bein baumeln. Sie lächelte. „Vierhundertfünfzig K.“
„Oh Falk, das ist es ganz gewiss wert“, ließ sich Ramona vernehmen und tanzte zwischen Kassandra und ihm hindurch, das Collier immer noch an sich gepresst.
„Liebes, gib mir das Collier! Ich kann keine Vierhundertfünfzigtausend bezahlen.“
Ramona machte einen Schmollmund. „Doch, du kannst.“
„Nein. Vielleicht Dreihundertfünfzigtausend.“ Falk war blass. Es war ihm anzusehen, dass er das Geschäft machen wollte. Vermutlich nicht, um seiner Frau eine Freude zu bereiten, sondern um Kollander eins auszuwischen. Dennoch wollte er natürlich so wenig wie möglich bezahlen.
Kassandra stand auf, wackelte mit dem Po und stellte sich direkt vor Falk. „Vierhundert K und“, sie nahm seine Hand, an deren Ringfinger Gislindes Ring prangte, „dieses hübsch Stück, damit ich meinem Verlobten eine Freude machen kann. Was sagen Sie, Falk?“ Sie strich ihm zärtlich über den Handrücken.
Falk stockte einen Moment. „Dreihundertachtzig und der Ring.“
Er hielt Kassandra die Hand zum Einschlagen hin.
Die zögerte noch einen Moment. „Deal! Weil Sie es sind. Ich kann gar nicht glauben, dass ich mich hier so herunterhandeln lasse.“
Falk lächelte und öffnete eine der Schreibtischschubladen. Er entnahm ihr einige Geldbündel, um die Banderolen geschlungen waren. Kassandra registrierte, dass noch weitere Geldbündel in der Schublade lagerten. Er hatte also mit einer höheren Summe gerechnet. Aha.
Allerdings hatte sie schon beachtenswerte Achtzigtausend mehr herausgeschlagen, als geplant, und noch Gislindes Ring obendrauf ergattert. Der Einfall mit dem Schmuckstück, an dem Gislinde so viel lag, war ihr spontan gekommen.
Falk legte die Geldbündel auf den Tisch und zog mit einem kleinen Zögern den Ring vom Finger. „Es ist eine Einzelanfertigung. Hoffentlich machen Sie Ihren Verlobten damit glücklich.“
Kassandra griff beherzt zu. Das Geld übergab sie an Maria, die es in ihrem Jackett verstaute. Kurz schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass die Banknoten gefälscht sein könnten. Vermutlich waren sie es nicht. Falk würde nicht riskieren, seinen Ruf zu verlieren, indem er Falschgeld unter die Leute brachte. Auch ein Betrüger hatte eine gewisse Ehre.
Ramona hatte das Collier inzwischen wieder in das Köfferchen gelegt und die Papiere, ohne dass Falk es bemerkte, in ihrem Gewand verstaut. Sie klappte das Köfferchen zu, drehte den Schlüssel herum und verstaute diesen in ihrem Büstenhalter.
Das Köfferchen überreichte sie Falk. „Liebling. Leg doch das schöne Stück in den Tresor. Heute Abend schauen wir es uns noch einmal gemeinsam an, nicht wahr?“
Falk sah nicht sonderlich erfreut aus, biss aber in den sauren Apfel.
Ramona hakte Kassandra unter. „Und ich nehme Joyce mit. Wenigstens ein Glas Champagner trinken Sie mit mir, bevor Sie gehen. Das sind Sie mir schuldig.“
Kassandra lachte. „Natürlich. Auf dieses besondere Geschäft müssen wir anstoßen.“
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Am Abend saßen alle Beteiligten um Charlottes Küchentisch, lachten und tranken und erzählten immer wieder, wie der Coup gelaufen war. Charlotte hörte mit erhitzten Wangen zu. Alle Sorgen waren ihnen genommen, wenn auch die Trauer über den Betrug an ihrer Liebe noch wie eine abgebrochene Pfeilspitze in ihrem Herzen saß.
Kassandra goss Champagner nach und reichte Gislinde ein Glas. Auf dessen Grund lag der Ring.
„Gislinde. Dieses Glas ist nur für dich. Manchmal glauben wir Dinge verloren und dann müssen wir nur ganz genau hinschauen, um sie wiederzufinden.“
Gislinde schaute zunächst verdutzt, ehe sie begriff. Staunend fischte sie den Ring aus dem Champagner und streifte ihn sich unter Tränen über. Und dann heulten und lachten alle wie wild durcheinander.
Der schöne Garten (Teil 7)
Charlotte erkannte die Villa sofort. Früher wohnte da ein Mann zusammen mit seiner Frau und einer Tochter. Seinen Reichtum hatte er mit Küchengeräten gemacht. Charlotte war ihm nur einmal begegnet, als sie mit ihrer Tante Stoffmuster für die Dame des Hauses geliefert hatte. Obwohl… Eine Begegnung konnte man das nicht nennen. Er war in einem luxuriös aussehenden Cabriolet an ihnen vorbeigebraust, während sie und Tante Karla den Lieferanteneingang aufgesucht hatten.
Begegnet waren sie dann tatsächlich seiner Frau und dem kleinen Mädchen, das nun inzwischen lange eine erwachsene Frau sein musste. Charlotte erinnerte sich, dass sogar der Lieferanteneingang einschüchternd groß war. Eine Art Butler hatte dann im Auftrag der Frau von der…, wie hieß sie gleich nochmal? Egal, der in einem beeindruckend tadellosen Anzug gekleidete Angestellte, hatte die Stoffmuster entgegengenommen und war eine Zeitlang damit verschwunden.
Tante Karla und sie hatten die Atmosphäre des Hauses bestaunt. Hier war einfach Geld zu Hause, das merkte man, ohne dass man viel gesehen haben musste.
Charlotte schloss kurz die Augen. Da war auch wieder dieser spezielle Geruch in ihrer Nase. Hm, Reichtum konnte man riechen.
Und nun, viele Jahre später stand sie hier und erinnerte sich an den Butler. Ob es den noch gab?
Charlotte linste durch das Tor, dessen schmiedeeiserne Schnörkel allein wahrscheinlich schon ein Vermögen kosteten. Niemand war zu sehen. Dann öffnete sich das Tor automatisch. Wenn Falk tatsächlich hier wohnte und nun vielleicht herausgefahren kam? Sie merkte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Geistesgegenwärtig lief sie ein paar Schritte zurück, drehte sich in Richtung des Zauns und tat so, als suche sie etwas ganz Dringendes in ihrer Handtasche. Den Kopf tief über die nachgemachte Gucci mit dem merkwürdigen Namen Tote Bag gebeugt linste sie unter ihren Haarsträhnen hervor.
Tatadamm
„Das Bett ist bequem“, dachte ich, als ich hier einzog. Da wusste ich noch nicht, dass es mein letztes Bett sein würde. Obwohl… Ich hätte es wissen können. In meinem Alter und mit dieser Krankengeschichte. Ein Wunder war nicht zu erwarten. Nicht für mich.
Tatadamm. Im Hintergrund läuft „Boléro“ von Ravel, eines meiner Lieblingsstücke. Tatadamm. Die Töne steigen an, um gleich danach wieder in das Tatadamm zu münden, das mich an das gleichförmige Marschieren von Soldaten erinnert. Auch ich bin ein Soldat, der marschiert, tatadamm.
Ich habe diese Musik immer als tröstlich empfunden und deshalb begleitet sie mich bis ans bittere Ende. Das war mein Wunsch.
Wie pathetisch das klingt!
Ich will mich keinen Träumen von einem „Weiter so, du schaffst das“ hingeben, sondern marschieren. Wenigstens mit meinen Gedanken, weil mein Körper es nicht mehr leisten kann.
Das Marschieren fällt mir leicht. Ich habe die Augen geschlossen. Ab und zu kommt eine der Schwestern und sieht nach mir, betupft meine trockenen Lippen mit etwas Flüssigkeit.
Kehr um
Der Wind wehte feuchtkalt durch die Straße und zerrte an den letzten Blättern des Weins, der seine rote Farbe verloren hatte und nun die fast nackten Ranken dem Auge des Betrachters feil bot.
Ariane fröstelte und sah ungeduldig auf ihre Uhr. Der Bus würde sich wieder einmal verspäten. Sie hörte das Hüsteln und Flüstern der anderen Wartenden. Füße scharrten, um die einziehende Kälte zu vertreiben. Kurz blieb ihr Blick an dem jungen Mann hängen, der seit einigen Monaten ebenfalls mit diesem Bus fuhr. Er lächelte sie an und Ariane lächelte zögernd und kaum merklich zurück, bevor sie ihren Blick wieder auf die berankte Wand auf der anderen Straßenseite heftete.
Sie hoffte, dass er sie nicht ansprechen würde. Aus diesem Grund sah sie auch starr gerade aus, scheinbar vertieft in das Muster, das die bizarr gewundenen Weinranken auf die Mauer gegenüber gezeichnet hatten.
Mit ein bisschen Fantasie könnte man eine Geheimschrift erkennen, dachte sie bedauernd. Ähnlich der, die das Leben für Ariane bisher geschrieben hatte. Es war ihr bis heute nicht gelungen, darin zu lesen und Antworten zu finden.
Ein kräftiger Windstoß schickte Ariane neue Kälteschauer durch ihre dünne Jacke. Wenn nur der blöde Bus bald käme!
Christian sah, wie die junge Frau schildkrötengleich die Schultern hob und den Kopf einzog. Anfangs hatte er sie für arrogant gehalten, aber inzwischen ahnte er, dass dies ein Irrtum war. Ihre innere Farbe war meist orange, niemals von dem satten Gelb, dass er bei zufriedenen Menschen entdeckt hatte.
Sie ist nicht genug
Sie hat ihre Eltern besucht. Mehr aus Pflichtgefühl, denn aus Liebe.
Sorgfältig schließt sie die Gartenpforte hinter sich, wohlwissend, dass ihre Mutter hinter der Wohnzimmergardine steht und sie beobachtet. Sie überlegt, kurz zu winken, lässt es dann aber.
Nach Hause sind es nur etwa zwei Kilometer. Die Sonne malt schon längere Schatten auf das schadhafte Pflaster, aus dem hier in der Siedlung die Fußwege bestehen.
Sie weiß, dass sie sich beeilen muss und geht zügig. Vorbei an hübsch gepflegten Gärten, in denen die ersten Rosen blühen. Als sie das orangefarbene Haus passiert, das, wie sie weiß, Herrn Maier und seiner Frau gehört, erklingt der Ruf eines Vogels. Ein ganz besonderer und lauter Ruf. Sie kann sich gar nicht vorstellen, was das für ein Vogel sein könnte. Etwas Größeres. Ein Eichelhäher vielleicht?
Ihr Schritt verharrt, während sie lauscht, ob der Vogel noch einmal ruft. Sie denkt daran, dass sie Herrn Maier nicht mag. Nicht dass er ihr je etwas getan oder mehr als zehn Worte am Stück mit ihr gewechselt hätte. Es ist der Ton, in dem er mit seiner Frau spricht, sie zurechtweist, sie klein macht und demütigt. Wenn ihr die Frau gelegentlich begegnet, hat sie so etwas Blasses, etwas Unsichtbares an sich. Als würde sie sich am liebsten ins nächste Erdloch verkriechen.
Manchmal, wenn sie sich im Spiegel ansieht, glaubt sie, Frau Maier zu sehen.
Auf in die Strbakakken
Martha kam gerade aus dem Bad, als es an der Tür klingelte. Wer mochte das nur sein? Um diese Uhrzeit? Am Ostersonntag?
Den ausgeblichenen Bademantel an der Brust zusammen ziehend, öffnete Martha die Tür. Ihr verschlafener Blick wanderte ins Leere. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Nichts rührte sich.
Mürrisch wollte Martha sich bereits abwenden, um noch ein paar Minuten unter die warme Bettdecke zu kriechen, da fiel ihr vor der gegenüber liegenden Tür ein Osternest auf. Darin lag ein ziemlich großes Ei, leuchtend bunt bemalt.
In der Dämmrigkeit des Treppenhauses pulsierten die Farben des Eies in schnellem Rhythmus. Als ob sie lebten.
Interessant!
Martha wurde sogleich ein bisschen munterer. Das musste sie sich näher betrachten!