Leseproben/Kurzgeschichten
Vöglein
Bernard schob die falschen Zähne noch einmal zurecht und lächelte sich zufrieden im Spiegel zu. An dessen Seite klebte das großformatige Bild des Henry Satuffé, dem Bernard dank seines Könnens inzwischen sehr ähnlich sah. Der eigentliche Träger des Namens Satuffé lag, mit Klebeband gekonnt verschnürt, im Kleiderschrank seines Hotelzimmers im „Vier Jahreszeiten“, wo er auch die nächsten 12 Stunden zubringen würde.
Tatsächlich stand ihm, wie Bernard bei einem letzten Blick in den Spiegel fand, das grau gefärbte Haar gut und verlieh ihm den gewünschten seriösen Anstrich. Perfekt.
Stille
Susans sorgsam gehegtes Universum verschob sich zum ersten Mal, als ihr Fahrrad mit einem Stein kollidierte und sie in hohem Bogen in eine andere Welt katapultierte. Natürlich waren die erlittenen Verletzungen äußerst schmerzhaft. Noch schmerzhafter war jedoch die Gewissheit, in der nächsten Zeit auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen zu sein. Nicht, dass Susan eine Misanthropin wäre, aber sie hatte das Heft schon gerne in der Hand und bestimmte selbst, wer in ihrem Dunstkreis verweilen durfte.
Vielleicht war Susans Widerwille gegen die erzwungene Nähe zu anderen Patienten, Pflegekräften und Ärzten der Motor für ihre schnelle Wiederauferstehung nach der Operation. Bereits zwei Tage später begann sie mit den ersten Rundgängen durch das Krankenhaus. Zwar begegneten ihr auch dort Menschen, aber denen konnte sie gut ausweichen und glücklicherweise gab es genug stille Ecken, in denen sie das Alleinsein genießen konnte.
Das Ding
Ich liebe Geschenke.
Sie müssen nicht groß sein, auch kleine Geschenke machen mir durchaus Freude. Ihr Preis ist nebensächlich. Mehr Wert lege ich darauf, dass das Präsent von Herzen kommt und der Schenkende sich etwas dabei dachte, als er es auswählte.
So habe ich mich einmal mordsmäßig über ein Buch meines Lieblingsautors gefreut, von dem ich gar nicht wusste, dass es existierte. Dieses Buch stellte alle anderen Geschenke in den Schatten und ich kann euch verraten, die waren auch nicht von Pappe!
Natürlich gefällt mir nicht jedes Geschenk, selbst wenn es mit Herzblut beschriftet ist. Und natürlich würde ich niemals aussprechen, dass mir etwas nicht gefällt, was ein anderer mit Bedacht und vielleicht auch Liebe ausgewählt hat.