Wunschlisten
Auf Threads, der instagrambasierten Alternative zu Twitter, kursieren seit einiger Zeit sogenannte „Wishlists“. Menschen hinterlegen virtuelle Produkte in einer speziell kreierten Wishlist auf Amazon und posten den dazu passenden Link dann auf der Social-Media-Plattform Threads. Jeder kann darauf Zugriff nehmen, sich die Liste anschauen und, wenn er möchte, ein oder mehrere Wünsche erfüllen. Das Produkt geht an den Ersteller der Liste, gezahlt wird durch denjenigen, der die Ware ordert. Ein modernes Wichteln sozusagen. Unbekannte schenken Fremden etwas, das diese sich wünschen. Es besteht jedoch kein Zwang, etwas zurückzuschenken.
Aus Neugier habe ich mir mal einige Wunschlisten angesehen und war doch sehr erstaunt, was Menschen sich da so wünschen. Vom Duschgel bis zum teuren Computerspiel, von der Kette und der Delikatesse bis zum Küchengerät ist da so ziemlich alles dabei. Manche Wunschlisten habe auch eine erstaunliche Länge, was mich an der Bescheidenheit des Wünschers doch irgendwie zweifeln lässt. Aber dazu komme ich noch.
Neben den Wunschlisten finden sich zahlreiche Kommentare von Menschen, die bereits viele Päckchen erhalten haben, andere wiederum sind traurig, weil ihnen noch niemand etwas geschickt hat. Die Aktion verläuft ja völlig ungesteuert. Im Prinzip macht jeder, was er will.
Unabhängig davon, dass Amazon hier einen lukrativen neuen Geschäftszweig entdeckt hat (Chapeau!), finde ich die Aktion vom Grundsatz her ganz charmant. Wer etwas schenkt, weil er vielleicht die Sehnsucht hat, jemandem etwas Gutes zu tun, verschafft sich auf diese Weise ein Wohlgefühl. Die Beschenkten bekommen einen mehr oder weniger vollen Gabentisch mit Dingen, die sie sich selbst nicht leisten können oder wollen. Eigentlich eine schöne Sache, oder?
Ich bin dennoch zwiegespalten. Zum einen, weil ich eine übermäßige Schenkerei persönlich verurteile. Es gibt in diesem Land und anderswo genug Bedürftige und auch Institutionen, die ausschließlich von Spenden existieren, aber wichtige Aufgaben erledigen, für die unser Staat sich nicht zuständig sieht. Statt Wildfremden ein Computerspiel zu finanzieren, spende ich deshalb lieber dorthin, wo es mit Sicherheit gebraucht wird.
Zum anderen ist auch die Wishlist-Aktion etwas, bei dem es mit hoher Wahrscheinlichkeit Menschen gibt, die die Gebefreudigkeit anderer nur ausnutzen. Die Länge der Wunschliste und die Art der Dinge, die darauf stehen, lassen für mich keinen anderen Schluss zu. Natürlich ist gerade Weihnachten die Gelegenheit, sich mal Wünsche zu erfüllen, die eher nicht notwendig sind. Der Rentierpullover, die Delikatesse, der edle Dekorationsartikel usw. Und es macht ganz sicher auch Freude, jemandem etwas zu schenken, den man gar nicht kennt und sich vorzustellen, wie der sich freut. Aber der Gedanke, dass jemandem gar nichts geschenkt wird, der es vielleicht nötig brauchen könnte, macht mich da auch traurig.
Warum Amazon die Anzahl der Artikel, die man auf seine Wishlist setzen kann und auch die Höhe des einzusetzenden Betrages nicht reglementiert, ist erklärlich – schließlich geht es ums Geldverdienen. Ob da Missbrauch betrieben wird oder die Geschenke ungerecht verteilt werden, ist dem Versandriesen vermutlich egal. Und genau das ist es, was mir Unbehagen bereitet.
Ich finde Schenken schön, aber mit Augenmaß. Und dort, wo möglicherweise schon Überfluss herrscht, möchte ich nicht noch etwas geben, während jemand Bedürftiges leer ausgeht.
Schreibt mir gern mal eure Meinung dazu, das interessiert mich wirklich.
Mein schönstes Wichtelgeschenk ist übrigens in der letzten Woche per Post angekommen. Es ist die neue Anthologie „Fantasy trifft Science fiction“, in der sage und schreibe 6 meiner Geschichten enthalten sind. Darüber freue ich mich unheimlich. Die Einnahmen gehen komplett an einen Tierschutzverein und das macht mir ein richtig gutes Gefühl.