Ein Plan muss her (6. Teil)
Wir wussten, dass wir nicht zuviel Zeit verstreichen lassen durften. Und wir ahnten, dass wir nicht Falks einzige Opfer waren. Wer weiß, wie vielen Frauen er noch Geld aus der Tasche gezogen hatte. Wir wollten Rache, ihm das Handwerk legen und das möglichst schnell.
Deshalb verabredeten wir uns für den nächsten Tag erneut im Eibencafé.
Gislinde und Charlotte kamen pünktlich. Ich hatte bereits in „unserer“ Nische Platz genommen, aber noch nichts bestellt. Mir war schon wieder nach einem ordentlichen Schnaps, aber ich befürchtete, dass dies nicht gerade dazu beitragen würde, einen klaren Kopf zu behalten. Und es machte möglicherweise einen schlechten Eindruck auf meine beiden neuen Freundinnen. Zumindest hoffte ich, dass wir Freundinnen werden würden.
Also bestellte ich einen großen Kaffee und ein Stück von der leckeren Schwarzwälder, die sie hier selber machen.
Die Beiden taten es mir gleich. Der Moment, den es dauerte, bis unsere Bestellungen kamen, fühlte sich merkwürdig an. Gestern waren wir in unserer Not sehr vertraut miteinander. Nun, mit etwas zeitlichem Abstand, waren sie mir fremd. Wir kannten uns nicht. Mir wurde klar, dass wir sehr ehrlich miteinander sein und uns auch vertrauen mussten, sonst wären alle Überlegungen von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Gislinde hatte offenbar ähnliche Gefühle. Sie fasste es so gut zusammen, als hätte sie mir die Worte einzeln aus dem Mund geklaubt. Ich hätte sie küssen können.
Charlotte nickte und berührte unsere Hände. „Ich verspreche, ehrlich zu sein. Ich fühle mich euch verbunden, auch wenn wir uns nicht kennen.“ Ihr liebes Gesicht sah dabei so traurig aus. Ich bekam echt Wut auf diesen Betrüger.
Wir drückten gleichzeitig ihre Finger und nickten. „Ich bin dabei.“
Ehe ich es mich versah, rutschte mir gleich eine vorlaute Frage heraus. Typisch Maria! „Habt ihr versucht, ihn telefonisch zu erreichen?“
„Hm.“ Gislinde schnalzte mit der Zunge und antwortete mit einem französischen Akzent. „Hab isch, Madame. Där fiesche, wie sagt man doch nochmal, där fiese Kärl at misch blockiert. Diese Dreckeschwein.“
Wenn die Tatsache nicht so traurig gewesen wäre, hätte ich es direkt lustig gefunden. Damals wusste ich noch nicht, dass Gislinde eine Sprachbegabung hatte. Aber ein kleines bisschen musste ich trotzdem lächeln.
Charlotte brauchte gar nichts zu sagen. Sie schluchzte und putzte sich umständlich die Nase. „Blockiert“, murmelte sie.
Mich hatte der Dreckskerl auch blockiert. Das sagte schon alles. Ich hoffte nur, dass er sich noch nicht vom Acker gemacht und das Revier gewechselt hatte.
Gislinde war ganz sicher die Gebildetste von uns dreien. Sie ergriff noch einmal das Wort, dieses Mal, ohne ihren französischen Charme zu bemühen.
„Ich habe gestern noch im Internet recherchiert. Falk ist ein ehemals erfolgreicher Geschäftsmann. Er hat eine reiche Frau geheiratet. Vermutlich leben sie getrennt, aber das kann ich wirklich nur annehmen. Er hat sich an der Börse verspekuliert und …“
„Und nimmt jetzt nicht so reiche ältere Damen aus, weil seine Frau ihm den Geldhahn abgedreht hat“, ergänzte ich.
Gislinde fügte ein trockenes „Vermutlich.“ ein. Sie wirkte, als hätte sie sich schon damit abgefunden, von Falk betrogen worden zu sein und sänne jetzt nur noch auf Rache. Anders konnte ich mir ihre ruhige Ausstrahlung nicht erklären.
Charlotte saß nebendran und sagte nichts. In ihren Augen glitzerten Tränen. Ich nahm sie kurz in den Arm. Dass sie nicht nur um Geld betrogen worden war, sondern auch um ihre Würde, musste ihr sehr zusetzen. Hatte sich dieser Kerl auch noch mit ihr verlobt! Was für ein Arschloch. Mit Verlaub.
Ich selbst steckte Falks Verrat ganz gut weg. Mich dauerten die 150.000, die ich mein ganzes Leben lang abzahlen müsste. Für nichts und wieder nichts. Ich hatte mir schon gedacht, dass Falk nicht ewig Bestandteil in meinem Leben sein würde, dafür kenne ich die Männer zu gut. Aber es war nicht von der Hand zu weisen, dass mich sein hinterlistiges Verhalten trotzdem enttäuschte und vor allem, dass ich ihm so auf den Leim gekrochen war. Das ärgerte mich wohl am meisten. Wie dumm ich doch gewesen war!
„Mädels. Frauen.“ Gislinde holte tief Luft. „Ich weiß gar nicht, wie ich euch anreden soll. Aber egal. Wir können traurig sein und uns elend fühlen. Ich fühle mich auch elend. Der Kerl hat mir kaum etwas übriggelassen. Ob wir das Geld wiedersehen, weiß ich nicht. Wir lassen ihn aber nicht so einfach davonkommen, in Ordnung?“
Charlotte schniefte hörbar. Ich sah, wie sie die Schultern straffte. „In Ordnung.“
Wir hatten jede für uns überlegt, ob es Sinn machte, Anzeige zu erstatten. Und wir waren zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Ganz sicher mussten wir beweisen, dass Falk uns betrogen hatte. Eine einfache polizeiliche Anzeige würde uns nur ein müdes Grinsen der Beamten bescheren. Ich sah das direkt vor mir.
Zumindest Gislinde und Charlotte hatten ihm das Geld ja freiwillig geliehen. Und das, ohne einen Vertrag oder so etwas aufzusetzen. Und er könnte immer behaupten, dass er es ja noch zurückzahlen würde. Da war er fein raus.
In meinem Fall musste ein Notar involviert sein, der den Hypothekenvertrag für meine Eigentumswohnung beurkundet hatte. Dummerweise hatte ich nichts in der Hand. Aber die Bank müsste Unterlagen haben. Gleich morgen würde ich dort vorstellig werden. Aber was nutzte mir das? Die Kohle war erst einmal weg und solange ich das Gegenteil nicht beweisen konnte, musste ich die Raten zahlen. Ich wusste nur überhaupt nicht, wie ich das bewerkstelligen sollte. Monatlich fast zweitausend Euro konnte ich im Leben nicht stemmen. Mir wurde direkt schlecht.
Gislinde unterbrach meine Gedanken. „Also, er ist verheiratet, aber seine Frau taucht in den Nachrichten der letzten beiden Jahre nirgends auf. Ich habe zumindest nichts gefunden. Möglicherweise ist das der Zeitraum, in dem er mit seinen Betrügereien angefangen hat.“
Mir war nicht ganz klar, was wir mit dieser Information anfangen konnten. Ob er nun zwei oder zehn Jahre lang den Leuten Geld aus der Tasche gezogen hat, war doch eigentlich schnurzegal.
Offensichtlich hatte ich den letzten Satz laut gesprochen. Gislinde und Charlotte sahen mich an.
„Äh?“
„Naja, ähm, ist es nicht egal, wie lange er das schon treibt?“
„Nee, das ist schon irgendwie wichtig. Wir müssten bloß jemanden finden, der uns Auskunft gibt, ob vielleicht Anzeigen gegen ihn vorliegen und da ist so ein eingegrenzter Zeitraum vielleicht hilfreich?“
Da hatte Gislinde recht.
„Kennt jemand jemanden, der an so eine Information rankommt?“
Charlotte und ich zuckten unisono mit den Schultern. Dann fiel mir ein, dass der Sohn meiner jüngsten Schwester beim Ordnungsarmt arbeitet. Früher war er mal mein Lieblingsneffe, aber seit er eine eigene Familie hat, haben wir ein bisschen den Draht zueinander verloren. Und ich müsste ihm wahrscheinlich sagen, warum ich die Information brauche.
Peinlich. Okay, wenn wir keinen anderen Einfall fanden, musste ich wohl in den sauren Apfel beißen. Ob Andreas seine dienstlichen Pflichten für mich verletzten würde? Ich hoffte es.
Gislinde erklärte sich bereit, noch ein wenig mehr im Internet zu forschen. So ganz nebenbei erwähnte sie, dass sie ein Bild von seiner Villa gesehen hatte. Ein prächtiges Gemäuer am westlichen Stadtrand.
Charlotte hob zaghaft die Hand. „Meine Tante war Schneiderin und hatte dort viel Kundschaft, die wir gemeinsam beliefert haben. Ich kenne mich da ein wenig aus. Soll ich mal probieren, ob ich irgendetwas Interessantes herausbekomme?“
Wir nickten begeistert.
Über dem ganzen Gerede hatten wir die Schwarzwälder Kirschtorte verdrückt und zwei Mal Kaffee nachgeordert. Ich fühlte mich ziemlich voll. Und ehrlich gesagt, lag das nicht nur an der Torte. Sich mit Falk zu beschäftigen, kostete Kraft. Das war schwer zu beschreiben. Vielleicht hing es damit zusammen, dass wir so im Trüben fischten.
Ich sah den anderen an, dass sie auch nicht gerade vor Energie strotzten. Wir mussten alle erstmal Falks widerwärtiges Treiben verdauen.
Zum Abschied verblieben wir so, dass Gislinde unsere Informationszentrale sein würde. Egal, was wir herausfanden, wir würden sie informieren und sie würde alles aufschreiben, sortieren und ordnen.
Das fühlte sich gut an. Klang fast wie im Kriminalroman. Da haben sie doch auch meist so eine große Wand, wo sie alle Verdächtigen und die verschiedenen Spuren und Motive aufschreiben,
Wir drückten uns ganz fest die Hände, lächelten uns aufmunternd an und verabredeten uns zum nächsten Treffen.
Ich trottete ziemlich geknickt nach Hause. Einerseits fühlte es sich gut an, etwas zu unternehmen. Andererseits könnte ich mir meine Freizeit mit schöneren Dingen vertreiben. Irgendwie hatte ich auch Angst davor, wieder an so einen halbseidenen Typen zu geraten, wenn ich mich noch einmal auf jemanden einlassen würde. Ist das paranoid?
Möglicherweise. Ich habe in meinem Leben schon so einige Kerle kennengelernt. Falk war mit Abstand derjenige, von dem ich so etwas nie erwartet hätte. Die anderen … Ach, steck sie alle in die Tonne.
Zu Hause trank ich das Schnäpschen, das ich mir im Café verkniffen hatte. Ich fühlte mich gleich etwas wohler, obwohl ich wirklich gerne geheult oder randaliert hätte, nur um meinen Frust loszuwerden. Um nicht doch noch Unsinn anzustellen, setzte ich mich vor ein Blatt Papier, nahm einen Stift zur Hand und schrieb auf, an was ich mich alles erinnerte. Was hatte Falk erzählt, wohin hatte er mich ausgeführt, welche Läden hatten wir ausgekundschaftet? Hatte er mir irgendetwas über Verwandte erzählt oder Freunde, hatten wir gemeinsam jemanden getroffen, den er mir vorgestellt hatte? Gab es Bemerkungen, die aus heutiger Sicht Bedeutung hatten?
Da kam tatsächlich Einiges zusammen. Falk hatte, obwohl er viel unterwegs war, doch ganz schön Raum eingenommen in meinem Leben. Klar, er musste ja mein Vertrauen gewinnen. Dieser Mistkerl.
Ich las mir alles mehrmals durch und schrieb immer noch ein bisschen etwas dazu. Es ist erstaunlich, an was man sich mit etwas Konzentration erinnern kann. Vielleicht halfen auch die Schnäpschen, die ich zwischendurch herunterkippte. Jedenfalls hatte ich am Ende zwei Blätter vollgepinselt und war angetrunken. Ach was, angetrunken! Die Flasche war leer, ich war voll.
Ich legte mich angezogen auf mein Bett und dachte, bevor ich wegdämmerte… Morgen ist auch noch ein Tag.