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Freddie


Freddie saß auf der Toilette. Ein langgezogenes, fanfarenähnliches Geräusch ertönte. Obwohl die Fanfare von einem höllischen Gestank begleitet wurde, blickte Freddie zufrieden drein.

Zwischen seinen Füßen hatte es sich Tinker gemütlich gemacht. Sein Fell war neuerdings etwas struppig. Tinker, der eigentlich Stinker hieß. Freddies Enkel Michel konnte das St allerdings nicht aussprechen und deshalb war aus Stinker Tinker geworden. 

Freddie langte nach unten und streichelte Tinkers Fell, ohne dass eine Reaktion erfolgte. Michel war schon sehr lange nicht mehr zu Besuch gekommen. Freddies Augen drohten kurz, feucht zu werden. Aber das konnte natürlich auch mit dem Geruch zusammenhängen, der sich wabernd um Freddie verdichtet hatte, während der sein Geschäft zu Ende brachte. 


Er musste endlich mal wieder mit Peter, Michels Vater, telefonieren und hören, wie es dem kleinen Scheißer so ging. Inzwischen sollte Michel in einer der höheren Klassen sein. Freddie bohrte in der Nase und dachte nach, wie lange es wohl her war, dass sein Sohn mit Familie ihn besucht hatte. Irgendwann hatte Freddie sein Zeitgefühl verloren. Da für ihn jeder Tag wie der andere war, konnte es durchaus passieren, dass er sonntags vorm Supermarkt stand, was nicht schlimm war. Dann ging er eben am nächsten Tag noch einmal hin. Aber er hätte zu gerne gewusst, wann Michel das letzte Mal den kleinen Tinker gestreichelt hatte. Der Finger in seiner Nase brachte allerdings keine erhellenden Erkenntnisse. 

Stöhnend hievte Freddie sich von seinem Porzellanthron hoch. Er ließ seine Finger auf die Suche nach der Spültaste gehen, während er mit der anderen Hand versuchte, seine Hose hochzuziehen. Die Spülung ging, ohne dass Freddie sich überzeugte, ob sie seine Hinterlassenschaft auch tatsächlich wegbeförderte. Seine Unterhose saß inzwischen einigermaßen. Nun, da die zweite Hand auch mithelfen konnte, schaffte es die ausgeleierte Jogginghose ebenfalls über seinen dürren Hintern.

Tinker hatte sich immer noch nicht bewegt. Vermutlich machte er ein Nickerchen. Er war auch alt, wie Freddie. Sollte er doch schlafen. Nur dass er seit Tagen sein Futter nicht angerührt hatte, beunruhigte Freddie ein wenig. Vielleicht sollte er es nun doch einmal erneuern. Der frische Duft würde Tinker schon in die Nase steigen. Freddie grinste, als er sich erinnerte, wie Tinker ihm früher immer um die Beine gestrichen war, wenn er das Futternäpfchen neu bestückt hatte. Schöne Zeiten waren das gewesen! Damals kam Peter auch noch hin und wieder zu Besuch und brachte den kleinen Michel mit. Michels Mutter mochte Freddie nicht besonders und blieb daher fern, worüber Freddie nicht allzu böse war. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Was Peter an dieser Frau gefunden hatte, war ihm immer noch ein Rätsel. Zumindest war Michel dieser Verbindung entsprungen und dafür war Freddie dankbar.

Er hatschte rüber in die Küche, wo ihm einfiel, dass er sich die Hände noch nicht gewaschen hatte. Naja, das konnte er hier ja nachholen. Er betrachtete die schwarzen Ränder unter seinen Fingernägeln. Da musste er sich bei Gelegenheit auch einmal drum kümmern.

Freddie schob ein bisschen von dem schmutzigen Geschirr beiseite, das sich in der Spüle türmte. Abwaschen war noch nie sein Ding gewesen und da ihn ja ohnehin nie jemand besuchte, war es auch egal, wenn es nicht ganz so picobello bei ihm aussah. Er benutzte sowieso nur einen einzigen Teller und aß ansonsten direkt aus der Assiette, in der er sein Essen aus dem Supermarkt holte.

Das Handtuch fühlte sich steif zwischen seinen nassen Händen an. Freddie wollte es sorgfältig wieder an den Haken hängen, bemerkte aber, dass das kleine Aufhängebändchen gerissen war. Er nestelte ein Loch in den Stoff. Auf seine alten Tage würde er nicht das Nähen anfangen. Es würde auch so gehen. Ging es ja immer.

Freddie trottete ins Wohnzimmer und ließ sich in seinen Sessel gleiten. Neben dem Fernsehgerät stand Marthas Foto. Sie lächelte ihn an und nun tropfte es doch seine Nase entlang. Martha. Das gute Marthchen. Viel zu früh war sie gegangen und hatte ihn allein zurückgelassen. Wie lange war das nochmal her?

In Freddies Kopf wirbelten Zahlen, aber er konnte sie nicht greifen. War ja auch egal. Damals gab es den kleinen Michel noch nicht. Martha hätte sich gefreut, den Bengel verwöhnen zu können.

Freddie schniefte und tastete nach dem Telefon. Wenn ihm doch nur einfallen würde, wann Peter und Michel das letzte Mal dagewesen waren. Schon ne Weile her auf jeden Fall. Aber wenn er jetzt anrufen würde und es war gerade ungünstig für Peter? Beim letzten Versuch hatte er ihn einfach weggedrückt. Naja, der Junge war beschäftigt. Aber er könnte sich schon auch mal von alleine melden.

Seine Finger spielten unbewusst mit den Tasten, während er versuchte, die Wolken in seinem Hirn zu durchdringen. Es war… Ostern, ja! Da hatte er Peter das Geld gegeben für das neue Auto. Stimmt! Und Michel war nicht dabei gewesen, weil er mit seiner Mutter bei den anderen Großeltern zu Besuch war. Ja!

Freddie ballte die Faust und freute sich, dass sein Gedächtnis doch nicht das löchrige Sieb war, für das er es gehalten hatte. Er kniff die Augen zusammen. Zu Weihnachten hatte Peter sich gemeldet. Michel hatte ins Telefon „Fröhliche Weihnachten, Opa!“ gerufen. Es war schön, mal wieder seine Stimme zu hören. Kommen konnten sie nicht, weil Peter arbeiten musste und es sich nicht lohnen würde, extra für einen Nachmittag zweihundert Kilometer zu fahren. Das sah Freddie ein.

Und dann war die Knallerei gewesen. Zu Silvester. Genau. Die Idioten konnten gar nicht genug kriegen. So schwerhörig war Freddie noch nicht, dass er den ganzen Lärm gar nicht mitbekommen hätte.

Also. Ostern. Vielleicht konnten sie ja dieses Jahr kommen, wenigstens Peter und der Junge. Freddie lächelte und starrte auf das Telefon in seiner Hand. Er würde die Tage mal anrufen und fragen, ob ein Osterbesuch drin war. Zu aufdringlich wollte er nicht sein. Es war sicher noch Zeit, etwas zu verabreden.

Freddie merkte, wie sich seine Blase meldete. Schon wieder! Nicht dass er sich über der ganzen Denkerei in die Hose machte.

Vor dem Klo lag immer noch Tinker. Er hatte sich kein Stück bewegt. Das kam Freddie nun doch ein bisschen merkwürdig vor. Er nahm den kleinen Kerl hoch. Der war leicht, zu leicht. Und bog sich wie eine Gummipuppe. Freddie starrte in zwei gebrochene Augen, deren ehemals schönes Grün fast gänzlich verblasst war. Da hatte sich der kleine Tinker vom Acker gemacht, ohne Bescheid zu geben.

Er schluckte und legte den leblosen Körper auf den Wäscheberg, der sich auf der Waschmaschine türmte. Da hatte es der Kerl wenigstens weich und musste nicht auf dem harten Boden liegen.

Freddie blinzelte die erneut aufsteigenden Tränen weg. Tinker war alt. Sie beiden waren alte Säcke, nur dass er, Freddie, sich nicht einfach so davonschleichen konnte. Er hatte Verantwortung, er hatte Familie!

Etwa vier Monate später meldete sich die Polizei bei Peter. Ostern war gerade vorbei. Peter hatte überlegt, sich bei seinem Vater zu melden, den Gedanken aber verworfen. Er hatte so viel um die Ohren und dieses Jahr hatte es auch endlich mit der Kreuzfahrt geklappt, die Andrea sich so sehr gewünscht hatte. Es gab Wichtigeres.

Die Polizei informierte ihn, dass sein Vater aufgefunden worden war. Nachbarn hatten sich über den Geruch beschwert und dass der Briefkasten überquoll.

Freddie war irgendwann zwischen Neujahr und Aschermittwoch verstorben. Sein Herz war einfach stehengeblieben. Nicht ungewöhnlich bei so alten Menschen.