Zum Hauptinhalt springen

Individuum


Individuum

Wir sind viele. Um genauer zu sein, etwa 8,2 Milliarden Menschen weltweit. Angesichts dieser Menge von Individuen zu sprechen, klingt vielleicht merkwürdig. Man könnte ja annehmen, dass da viele Leute dabei sind, die in der Masse untergehen, weil sie kein Albert Einstein oder ein Kandidat für die nächste Papstwahl sind, oder?

Falsch. Nicht jeder kann ein Genie sein oder das Ziel haben, eines Tages der katholischen Kirche vorstehen zu wollen. Muss auch keiner.

Das Wort Individuum bedeutet: das Unteilbare, ein einzelnes Wesen in seiner Gesamtheit und Einzigartigkeit.

Und genau deshalb schreibe ich diese Zeilen. Weil ich darüber reden möchte, dass Individualität und Einzigartigkeit nicht immer bedeuten müssen, dass man etwas besonders gut kann oder aus der Masse herausstechen muss.


Die Spezies Mensch ist derart facettenreich, dass ich behaupte, es gibt keinen Menschen zwei Mal. Mit Sicherheit gibt’s optische Doppelgänger. Ob die in allen Einzelheiten identisch sind, sei mal dahingestellt. Ich denke da an Narben oder Verletzungen, die Neigung zum Haarausfall, Fingerabdrücke usw.

Haken dran. Für unser Aussehen können wir ohnehin nichts bzw. haben da nur begrenzten Einfluss.

Wie ist es, mit dem, was wir tun? Es gibt Menschen, die eine bestimmte Tätigkeit genauso gut ausüben können, wie noch jemand. Okay. Aber die sehen sich im besten Fall nicht ähnlich. Es sei denn, es handelt sich um Mutter und Tochter, die beide wie eine Nachtigall flöten können und zwar so, dass wir keinen Unterschied hören. Auch die werden bei Licht besehen, recht unterschiedlich und damit einzigartig sein.

Wenn wir Kinder oder Jugendliche beobachten, sehen wir, dass diese einerseits sehr danach streben, sich in bestimmte Gruppen einzufügen, also um Gottes Willen nicht aufzufallen. Andererseits streben sie danach, etwas Besonderes zu sein, sich abzuheben und wahrgenommen zu werden.

Ein Widerspruch? Nein. Sich durch Anpassung in der Masse unsichtbar oder weniger sichtbar zu machen, bietet Sicherheit. In einer Phase, in der wir sehr verletzlich und uns unserer Stärken noch nicht bewusst sind, ist das eine gute Strategie. Und deshalb finden wir sie auch bei vielen unsicheren Erwachsenen wieder.

Das Bedürfnis, als Individuum wahrgenommen zu werden, ist trotzdem da. Wir generieren darüber Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Zuneigung, Liebe, Bestätigung. Alles Dinge, die jeder Mensch benötigt, um ein gutes, erfolgreiches und befriedigendes Leben führen zu können.

Unsere Einzigartigkeit können wir bei genauer Betrachtung also nicht über das Aussehen definieren oder über eine bestimmte Tätigkeit, sondern über das Gesamtbild, welches unsere Mitmenschen in uns sehen.

Ich stelle jetzt mal die These auf, dass es weltweit nur eine einzige rothaarige Frau mit angewachsenen Ohrläppchen gibt, die gern Thriller liest, Pommes frites hasst, in ihrer Mittagspause strickt, bei kniffligen Aufgaben mit den Fingern schnippt, keine Hunde mag, dafür Spinnen liebt und samstags in die Kneipe geht, um Charakterzeichnungen von Betrunkenen anzufertigen.

Gibt’s diese Frau? Zumindest würde sie mir auffallen, wenn ich ihr begegne, obwohl sie wahrscheinlich weder mit Albert Einstein verwandt ist, noch der nächste Papst werden will. Das brauchts also nicht. Sie ist einzigartig, weil sie so ist, wie sie ist.

Als Autorin kommt mir die Einzigartigkeit von Menschen, ihre Individualität, absolut entgegen. Ich kann mir die Figuren nach Belieben zusammenstellen. Ich kann ihnen Vorlieben und Abneigungen, Talente, Stärken und Schwächen andichten, wie es mir beliebt. Ist das nicht herrlich? Dazu brauche ich nicht zu recherchieren, sondern kann einfach die Pferdchen laufen lassen, wie ich will. Das liebe ich!

Ich liebe es aber auch, Menschen zu beobachten und ihre individuellen Verhaltensweisen zu studieren. Jeder, der viel mit Menschen zu tun hat, kennt den Spruch „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Und das ist auch wirklich so. Die Realität schlägt meine Fantasie tatsächlich um Längen und ist immer wieder inspirierend.

Jeder darf und sollte so sein, wie er möchte. Wir passen vielleicht mit diesem oder jenem Detail unserer Persönlichkeit in ein bestimmtes Schema. Das ergibt sich auch aus den Funktionen, die wir ausüben. Mutter sein, Kollege sein, ältester Sohn sein, Freundin oder Nachbar sein, Mitschüler sein, Handwerker usw.  Niemals jedoch passen wir mit allen unseren individuellen Eigenheiten, Gefühlen und Befindlichkeiten, Wünschen, Sehnsüchten, Neigungen und Talenten in eine spezielle Schablone. Wir sind einzigartig. Sich zu bemühen, irgendwelche Erwartungen Anderer zu bedienen, indem wir versuchen, unsere Individualität zurückzustellen, ist zwecklos. Wir sind, wer wir sind. Individuen.