Erwin und Edgar
Fragen Sie sich gerade, wer sich hinter diesen alten deutschen Namen versteckt? Ich verrate es Ihnen – meine zwei Opas sind es nicht. Leider sind sie schon lange verstorben.
Einer der beiden, von denen diese Geschichte hier handelt, könnte allerdings tatsächlich ein Opa sein. Ich weiß nicht, wie alt Karpfen werden können. Auf manchen Bildern sieht man ja strahlende Angler, die mit einem glücklich-überraschten Lächeln einen riesigen, moosbedeckten Karpfen hochhalten, der nicht nur Moos, sondern auch einige Lebenszeit auf dem Buckel hat.
Nun, so alt ist unser Erwin noch nicht, obwohl er schon etliche Jahre in unserem Teich lebt und eine beachtliche Statur hat. Bis zum letzten Winter lebte auch eine Spiegelkarpfenfrau mit im Teich. Oder ein männlicher Kumpel… So genau weiß man das bei Karpfen ja nicht. Es gab nie Nachwuchs, durch den wir Sicherheit gewonnen hätten. Naja, vorsichtshalber hatten wir Frau Karpfen auf den Namen Julia getauft. Zur Not hätten wir dann einen Julius daraus gemacht. Diese Frage stellte sich aber nie.
Unser Teich ist größer als die meisten deutschen Wohnzimmer, aber nicht sooo viel größer. Es versteht sich von selbst, dass Erwin dort nicht allein wohnt. Wir haben bei der Anlage dieses Gewässers Totholz an den Rändern ausgelegt, kleine Höhlen aus Steinen geformt und Schilf, Lilien und Seerosen angepflanzt. Der Rest, kleine Birken, Wasserminze und zahlreiche andere Pflanzen, siedelten sich im Lauf der Zeit an, genau wie viele Kleintiere und Insekten, die sich in diesem Idyll bei uns in der Großstadt wohlfühlen.
Wie Edgar, seine Kumpels und Kumpelinen zu uns gefunden haben, hier mitten in der Stadt, wird mir ein Rätsel bleiben. Tatsache ist, in jedem Frühjahr sind sie pünktlich zur Stelle, um die nächste Generation Edgars in die Welt zu setzen. Danach verschwinden sie spurlos. Falls Sie es nicht schon geahnt haben, Edgar ist eine Erdkröte.
Bevor ich nun zum eigentlichen Kern der Geschichte komme, muss erwähnt werden, dass Erdkröten eine merkwürdige Art der Fortpflanzung pflegen. Für Kröten ist es das Normalste der Welt, aber auf uns Menschen wirkt es doch recht anrüchig, was diese kleinen Gesellen da treiben. Da schwimmt also das Erdkrötenweibchen leise quarrend durchs Wasser und bis zu fünf Erdkrötenmännchen hocken auf ihr drauf und versuchen, zum Zuge zu kommen. Die Mädels tun mir jedes Jahr aufs Neue leid, aber da sie es auch jedes Jahr genau wieder so machen, funktioniert es offenbar und Mutter Natur hat sich dabei ja auch irgendetwas gedacht. Möglicherweise ist es aber auch die Ursache dafür, dass die Weibchen immer in der Unterzahl sind.
Wie kommen nun aber Karpfen Erwin und Kröterich Edgar zueinander? Sie ahnen es vielleicht…
Edgar war wohl spät dran oder hat keinen Platz mehr auf einem Weibchen gefunden. Das Bedürfnis oder der Reflex sich an irgend etwas festzuklammern muss aber überwältigend gewesen sein, also setzte er sich auf Erwin. Ja, werden Sie sagen, na und? Ich wette, Sie haben da ein Bild vor Augen. Edgar, rittlings auf Erwin sitzend. Beide durchpflügen das Wasser und drehen grölend ihre Runden, bis einer die Nase voll hat. Mitnichten war es so!
Also Nase voll stimmt schon irgendwie. Edgar, den ich erst nach dieser Aktion überhaupt taufte, klammerte sich nämlich direkt in Erwins Gesicht fest. Direkt über den Augen, den Nasenlöchern und einem Teil von Erwins Maul. Stellen Sie sich vor, das macht einer bei Ihnen! Das ist bestimmt nicht angenehm.
Am nächsten Tag klemmte Edgar immer noch dort, während Erwin unruhig durch den Teich pendelte. So ein Karpfen hat ja auch Bedürfnisse, zumindest einen gewissen Bedarf an Sauerstoff und Futter. Also nahm ich mir vor, am nächsten Tag noch einmal nachzuschauen. Wollen Sie raten?
Edgar hatte sich keinen Millimeter bewegt. Der arme Erwin hatte sich mit seinem Unglück immer noch nicht abgefunden und ich hatte den Eindruck, dass ihm sein neuer Kumpel nicht wirklich gefiel. Der hatte aber auch ein Durchhaltevermögen! Oder er war glücklich, sich den Platz nicht mit drei anderen Artgenossen teilen zu müssen. Man weiß es nicht. Aber so konnte es natürlich nicht bleiben.
Ich überlegte hin und her, wie ich Erwin helfen könnte. Keschern ist wegen der üppigen Bepflanzung des Teiches schlecht möglich. Eine Stange oder Ähnliches musste her, aber nichts aus Metall und nichts Spitzes. Ich wollte Edgar oder Erwin ja nicht verletzen.
Da mein Mann der Spezies „Jäger und Sammler“ angehört, fand sich tatsächlich ein langer Stock, der noch nicht zu Feuerholz verarbeitet war. Was war ich froh! Mit dem Stock stocherte ich immer dann, wenn Erwin in Reichweite geschwommen kam, in Edgars Seite. Eigentlich muss ich dieses Tier bewundern. Es gab einfach nicht auf!
Allerdings war ich auch beharrlich. Erwin hatte nun schon drei Tage seinen neuen Gesichtsschmuck und es wurde Zeit, dass er den wieder loswurde. Und dann, ich kann nicht sagen, wie oft ich Edgar angestuppst habe, löste er sich und schwamm davon, als ob nichts gewesen wäre. Erwin schaute einen Moment verdutzt, schlug mit der Schwanzflosse und verschwand erst einmal in der Tiefe.
Ich bin ja versucht, hier ein bisschen Anglerlatein einzuspinnen und Erwins glücklichen und dankbaren Gesichtsausdruck zu beschreiben. Aber wahrscheinlich würden Sie mir sowieso nicht glauben. Vielleicht macht auch der Mensch nur das Drama und Erwins und Edgars Koalition war gar nicht so problematisch, wie ich annahm. Wir werden es nie erfahren.