Sie ist nicht genug
Sie hat ihre Eltern besucht. Mehr aus Pflichtgefühl, denn aus Liebe.
Sorgfältig schließt sie die Gartenpforte hinter sich, wohlwissend, dass ihre Mutter hinter der Wohnzimmergardine steht und sie beobachtet. Sie überlegt, kurz zu winken, lässt es dann aber.
Nach Hause sind es nur etwa zwei Kilometer. Die Sonne malt schon längere Schatten auf das schadhafte Pflaster, aus dem hier in der Siedlung die Fußwege bestehen.
Sie weiß, dass sie sich beeilen muss und geht zügig. Vorbei an hübsch gepflegten Gärten, in denen die ersten Rosen blühen. Als sie das orangefarbene Haus passiert, das, wie sie weiß, Herrn Maier und seiner Frau gehört, erklingt der Ruf eines Vogels. Ein ganz besonderer und lauter Ruf. Sie kann sich gar nicht vorstellen, was das für ein Vogel sein könnte. Etwas Größeres. Ein Eichelhäher vielleicht?
Ihr Schritt verharrt, während sie lauscht, ob der Vogel noch einmal ruft. Sie denkt daran, dass sie Herrn Maier nicht mag. Nicht dass er ihr je etwas getan oder mehr als zehn Worte am Stück mit ihr gewechselt hätte. Es ist der Ton, in dem er mit seiner Frau spricht, sie zurechtweist, sie klein macht und demütigt. Wenn ihr die Frau gelegentlich begegnet, hat sie so etwas Blasses, etwas Unsichtbares an sich. Als würde sie sich am liebsten ins nächste Erdloch verkriechen.
Manchmal, wenn sie sich im Spiegel ansieht, glaubt sie, Frau Maier zu sehen.
Sie weiß, wie es sich anfühlt, unsichtbar zu sein. Sie weiß wie es sich anfühlt, nicht genug zu sein.
Der Vogel ruft nicht noch einmal und sie denkt, dass sie nun weitergehen sollte.
Das Ziel, ihr Zuhause, ist genauso unerquicklich wie der Ort, den sie gerade verlassen hat.
Ihr erster Schritt nach dieser kleinen Pause, die möglicherweise mit einigen blauen Flecken bestraft wird heute Abend, fällt ihr schwer. Der zweite Schritt ist ihr nahezu unmöglich. Als stecke sie in einem Fass voller Kleister fest. Ihr Fuß will sich nicht vom Boden heben. Auch der andere verweigert ihr den Gehorsam und so steht sie da und sieht erstaunt an sich herunter. Der linke Fuß ein wenig versetzt zum anderen. Als wolle sie tatsächlich loslaufen.
Aber sie kann es nicht.
Sie legt ihre Finger um die schmiedeeiserne Spitze von Maiers Zaun und hofft inständig, dass niemand sie beobachtet. Maier nicht und sonst auch keiner. Wie soll sie erklären, dass sie weiterlaufen möchte und nicht kann?
Ob es sich um eine Lähmung handelt? So ganz aus heiterem Himmel?
Obwohl ihr der Rücken schon weh getan hat von dem Putzmarathon, den sie wöchentlich bei ihren Eltern absolviert. Nur dass die Rückenschmerzen nicht mal einen kleinen Teil dessen ausmachen, was ihr sonst dort noch widerfährt. In ihrem Elternhaus, das nie so ein Zuhause war, wie sie es sich in zahllosen Momenten gewünscht hat.
Nein, geschlagen haben die Eltern nie. Nicht mit Fäusten oder Gegenständen. Wenn jemand sie fragen würde, was schlimmer ist, die Nacht voller Schmerzen zu verbringen, weil ihr Mann sie malträtiert hat oder mit Beschimpfungen oder Ignoranz gestraft zu werden, weil sie den Eltern nie genug war – sie könnte es nicht sagen. Es ist zu schmerzhaft, darüber nachzudenken.
Im Augenblick kann sie auch gar keine Entscheidung treffen. Sie steht hier, wie festgenagelt, kann nicht vorwärts und nicht rückwärts.
Sie schaut auf ihre Füße, den Kopf leer und schwer. Kann sie mit den Zehen wackeln?
Sie kann und merkt, wie ihr etwas leichter zumute wird.
Eine Lähmung ist es offenbar nicht.
Sie spürt dem Griff ihrer Finger nach, die sich immer noch um Maiers Zaun klammern, spreizt sie einzeln ab. Das geht. Nur, dass sie nicht in der Lage ist, den Griff gänzlich zu lösen. Sie hat Angst, umzufallen wie ein Baum, wenn sie loslässt.
Ihr Blick schweift nach links und rechts. Kommt jemand und will eine Erklärung, was sie hier gerade treibt? Warum sie nicht schnell nach Hause läuft, bevor seine Wut auf sie wächst und wächst und wächst?
Die Straße liegt still. Gerade so, als sei die Zeit stehen geblieben. Nur die Blätter des Apfelbaumes hinter dem Zaun rascheln. Das kleine Lüftchen, welches das Laub bewegt, kühlt ihr Gesicht. Erst jetzt merkt sie, dass der Schweiß ihr in Strömen aus dem Körper rinnt.
Er wird sagen: „Du stinkst.“
Es wäre nicht das erste Mal.
Sie soll sich hübsch machen für ihn. Immer soll sie hübsch sein. Aber er sagt ihr nie, dass er sie schön findet. Einzig wenn er sie begehrt, wenn sie für ihn tanzen soll, während er… Am Anfang war es schön mit ihm. Sie hat Aliv damals für ihn verlassen, weil sie es genossen hat, umworben zu werden. Auf Händen getragen zu werden, der Mittelpunkt des Universums für einen Mann zu sein. Mit Aliv war es am Anfang auch toll. Jugendliebe eben. Vertraut und sicher. Und unvergesslich.
Aber Aliv war ein Junge gegen ihn. Unerfahren, während der andere alle Register seines Könnens gezogen hat. Welches Mädchen, welche Frau hätte da widerstehen können?
Sie ist kein Mädchen mehr. Fast dreißig Jahre sind vergangen. Die anfänglichen Aufmerksamkeiten schlugen kurz nach der Hochzeit ins Gegenteil um. Nie war sie genug, alles war falsch. Das Muster war das Gleiche, das sie von zu Hause kannte. Irgendwann kamen die Schläge dazu. Und das Ausharren. Etwas in Frage zu stellen, endete mit Schmerzen. In Leib und Seele.
Seither funktioniert sie nur noch und nun nicht einmal das.
Sie blickt herab auf ihre Füße, wackelt mit den Zehen und versucht, die Sohle vom Boden zu lösen. Es geht nicht.
Vielleicht braucht es ein Erdbeben, um sie aus der Verankerung zu lösen, die sie hier vor Maiers Haus festhält?
Der Schweiß läuft ihr an der Nase entlang. Er tropft aus ihren Achselhöhlen und rinnt ihr an den Seiten hinunter. Sie ist ratlos.
Manchmal wünscht sie sich, dass sie Aliv nicht verlassen hätte und sie fragt sich jedes Mal, wie es wäre, mit ihm zu leben. Ob sie Kinder hätten? Wäre er aufmerksam, um ihr Wohl besorgt? Würde er ihr hin und wieder Blumen bringen und sie liebevoll in den Arm nehmen? Sie sehnt sich so sehr danach.
In der Ferne ist eine Gestalt zu sehen. Sie nähert sich langsam. Unklar, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Sie kann es noch nicht erkennen. Im gleichen Augenblick merkt sie, wie Angst in ihr aufwallt. Wenn ER es ist? Wird er sie an den Haaren ziehen und aus dem Boden reißen, wie ein unliebsames Unkraut? Wird er solange an ihr zerren, bis irgendetwas in ihr zerreißt? Und sie dann nach Hause schleppen, wo sie ihm ausgeliefert ist?
Ihre Beine beginnen zu zittern. Erst ganz wenig. Je näher die Person kommt, desto stärker wird das Gefühl eines aufziehenden Sturms, dem sie schutzlos ausgeliefert ist.
Jetzt erkennt sie, dass es ein Mann ist. Groß und breitschultrig. Vielleicht ist es ein Fremder, hofft sie. Jemand, den sie nicht kennt. Jemand, der sie vielleicht grüßt und sich wundert, warum sie hier so in der Gegend herumsteht, während die Sonne langsam sinkt. Jemand, der keine Fragen stellt, sondern einfach vorübergeht. Jemand, dem sie sich nicht erklären muss.
Oder soll sie vielleicht um Hilfe bitten? Wird er ihr helfen oder sich ihre Notlage zu Nutze machen?
Und was, wenn ER es ist? Wird er ausnutzen, dass sie sich nicht in eine Ecke verkriechen kann? Wird er sie beschimpfen, wie Herr Maier seine Frau beschimpft? Wird es ihm auch egal sein, ob jemand zusieht oder zuhört? Und wird Herr Maier hinter der Gardine glotzen?
Ihr ist schlecht und ihre Sicht ist verschwommen. ER könnte es sein. Könnte sie holen kommen, weil sie nicht pünktlich zu Hause eingetroffen ist.
Ihre Beine fühlen sich an wie Pudding. Nur der Griff um den Gartenzaun verhindert, dass sie zu Boden sinkt. Sie merkt, wie sich ihre Blase entleert. Es ist nicht das erste Mal, das so etwas passiert. Wie oft hat er sie deswegen verhöhnt und sich lustig gemacht.
Warm läuft es an ihren Beinen entlang. Ihre Tränen spürt sie nicht. Nur Scham. Und Trauer.
Die Person ist nun ziemlich nah und sie erkennt, dass sie noch eine Gnadenfrist hat, Es ist nicht er. Ein Mann zwar, aber nicht ihrer. Obwohl sein Gesicht ihr bekannt vorkommt. Sie kann es nur nicht einordnen.
Die Scham fühlt sich heiß an in ihren Wangen. Sie hat eine ziemlich gute Vorstellung, wie sie aussieht, hier an Maiers Zaun festgekrallt für die Ewigkeit. Verschwitzt, mit einer Lache Urin unter sich. Wem will sie erzählen, es sei eine Pfütze, die da hingehört? Es hat seit Tagen nicht geregnet.
Sie versucht mit letzter Kraft, noch einmal die Füße anzuheben. Sie aus dem Fußweg zu reißen. Ganz egal, ob ihre Sandalen dabei kaputt gehen. Sie ist so konzentriert darauf, bei ihren Versuchen ein unbeteiligtes Gesicht zu machen, dass sie gar nicht realisiert, wer da auf einmal vor ihr steht. Ungläubigkeit in den Augen und doch ein Strahlen, als sei die Sonne gerade nicht am Untergehen, sondern würde einen neuen Tag begrüßen. Er hat sich verändert, ist älter geworden. Doch das Lächeln ist das Gleiche wie damals. Aliv.
Und wie durch ein Wunder kann sie den Griff um Maiers Zaun lösen, ihre Füße anheben und einen Schritt auf ihn zugehen. Aliv. Nun wird alles gut.