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Kehr um


Der Wind wehte feuchtkalt durch die Straße und zerrte an den letzten Blättern des Weins, der seine rote Farbe verloren hatte und nun die fast nackten Ranken dem Auge des Betrachters feil bot.

Ariane fröstelte und sah ungeduldig auf ihre Uhr. Der Bus würde sich wieder einmal verspäten. Sie hörte das Hüsteln und Flüstern der anderen Wartenden. Füße scharrten, um die einziehende Kälte zu vertreiben.  Kurz blieb ihr Blick an dem jungen Mann hängen, der seit einigen Monaten ebenfalls mit diesem Bus fuhr. Er lächelte sie an und Ariane lächelte zögernd und kaum merklich zurück, bevor sie ihren Blick wieder auf die berankte Wand auf der anderen Straßenseite heftete.

Sie hoffte, dass er sie nicht ansprechen würde. Aus diesem Grund sah sie auch starr gerade aus, scheinbar vertieft in das Muster, das die bizarr gewundenen Weinranken auf die Mauer gegenüber gezeichnet hatten.

Mit ein bisschen Fantasie könnte man eine Geheimschrift erkennen, dachte sie bedauernd. Ähnlich der, die das Leben für Ariane bisher geschrieben hatte. Es war ihr bis heute nicht gelungen, darin zu lesen und Antworten zu finden.

Ein kräftiger Windstoß schickte Ariane neue Kälteschauer durch ihre dünne Jacke. Wenn nur der blöde Bus bald käme!

Christian sah, wie die junge Frau schildkrötengleich die Schultern hob und den Kopf einzog. Anfangs hatte er sie für arrogant gehalten, aber inzwischen ahnte er, dass dies ein Irrtum war. Ihre innere Farbe war meist orange, niemals von dem satten Gelb, dass er bei zufriedenen Menschen entdeckt hatte.


Das Farbensehen war ein Produkt seiner lang anhaltenden Pubertät, die Christians Umwelt an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte. In den letzten Jahren vervollkommnete  Christian seine Gabe immer mehr. Einmal sagte er zu seinem besten Freund Michael, dass er die Farben nicht tatsächlich sähe. „Dennoch sehe ich sie, wie mit einem inneren Auge. Manchmal weiß ich nicht, was sie bedeuten. Aber ich lerne täglich dazu.“

Michael wollte wissen, welche Farbe er habe und Christian hatte schlicht geantwortet: „Du hast ein schönes kräftiges Gelb und nur manchmal, wenn du aufgeregt und wütend bist, leuchtest du rot mit schwarzen Sprenkeln.“

Michael hatte in einem merkwürdigen Ton gelacht und sich danach nur hin und wieder erkundigt: „Und welche Farbe hat die da?“

Je länger Ariane auf die trockenen Weinranken starrte, desto intensiver wurde ihr Gefühl, dass es sich dabei nicht um Ranken handelte, sondern um Krakenarme, die ihr die Luft abschnürten. „Bitte nicht Papa!“, schrie sie tonlos und schnappt nach Sauerstoff, der ihre Lungen nicht füllen wollte. Mit jeder Sekunde verlor sie sich mehr an ihren Erinnerungen. Papa, der lächelte und ihr dann weh tat. Papa, der ihr drohte. Papa, der sie fest an sich gedrückt hielt und sie nicht losließ. Nicht einmal nach mehr als zwanzig Jahren.

In der Kälte hielt sie es nicht mehr aus. „Ich kann es nicht vergessen!“ dachte Ariane verzweifelt und flüchtete in ihren Garten, den sie den Garten der schönen Gedanken nannte.

Ein Lastwagen passierte die Bushaltestelle mit so hoher Geschwindigkeit, dass Christians Haare in Bewegung gerieten. Er war jetzt völlig auf die seltsame Frau fixiert. Deren oranges Leuchten hatte interessanterweise soeben fast ohne Übergang in einen dunkelblauen Farbton gewechselt, der eine solche Kälte ausstrahlte, dass es Christian fror. „Vielleicht sehe ich auch so blau aus. Kein Wunder, bei diesem Wetter“, überlegte Christian still und betrachtete unauffällig die wartenden Leute. Früher sah er nur die Farben, wenn er jemanden kannte. Seit einiger Zeit konnte er auch bei Unbekannten die Farben lesen. Selbst Romanfiguren waren inzwischen bei ihm nicht gut oder böse, sondern gelb, rot oder schwarz.

Blau hieß normalerweise: Krankheit. Aber das Blauwerden war meist ein langsamer Prozess, der mehrere Schattierungen aufwies. Noch nie war Christian ein Dunkelblau, wie dieses dort bei der jungen Frau, begegnet. Sie war jetzt die Einzige, deren Farbe sich von den anderen Leuten auf faszinierende Weise unterschied. Die meisten hatten einen roten Schimmer und Christian mutmaßte, dass sie langsam wütend wurden, weil der Bus sich so viel Zeit ließ.

Ariane wandelte über eine Wiese, auf der Unmengen Gräser, Blumen und großer grüner Kleeblätter wucherten. Im Hintergrund plätscherte Wasser, aber sie mochte sich nach der Ursache nicht umsehen. Wasser bedeutete Tränen.

Die Sonne schien Ariane warm ins Gesicht und sie empfand das bekannte Glücksgefühl, das sie immer nur an diesem Ort verspürte. Ihre Fingerspitzen, die entspannt über Büschel hohen Grases geglitten waren, pflückten eine rote Blüte. Deren Trichter leuchtete und sich im Wind wiegte. Ruhe kehrte in ihre Seele ein und Ariane schloss glücklich die  Augen. Hierher konnte ihr niemand folgen.

Als sie das erste Mal in diesen Garten geflüchtet war, wollte Ariane sich nicht darauf verlassen und hatte den Garten nach Anzeichen eines anderen Eindringlings abgesucht. Seither war dies die Zuflucht, zu der sie zurückkehrte, wenn sie Sicherheit brauchte. In ihren schlimmsten Stunden oder aber, wenn die Erinnerung sie einholte. Früher kam sie oft an diesen Ort, der jedes Mal ein kleines bisschen anders aussah. Aber natürlich, Gärten wachsen.

Christian war besorgt. Vielleicht war die Frau tatsächlich krank oder fror so erbärmlich, dass sie gleich umfallen würde. Sie tat ihm leid, wie sie da in der abgetragenen Jacke wartete und einfach nur geradeaus starrte. Was mochte wohl in ihr vorgehen?

Er näherte sich ihr einen Schritt und hielt dann inne. Sie stand da wie eine Statue, regungslos. Ein Stück ihres bleichen Gesichtes ragte zwischen den Strähnen ihres dunklen Haares hervor und verströmte eine seltsame Stimmung, die Christian nicht deuten konnte. „Unnahbar“ kam ihm in den Sinn.

Wenn doch nur endlich der Bus käme, dann wäre das Warten in der Kälte bald vergessen und Christian könnte vielleicht sehen, wie sich das Dunkelblau zu einem leuchtenden Orange zurück verwandelte.

Die rote Blüte duftete so lieblich, dass Ariane keine Lust verspürte, ihre Augen wieder zu öffnen. Sie hob ihre Arme und drehte sich um sich selbst. Fast schwebte sie im warmen Wind. So schön!

Das Dunkelblau begann nun zu wallen, wie eine Suppe, die Blasen schlägt. Christian hielt unwillkürlich den Atem an. Was ging hier vor?

Die Kälte drang nun auch durch seine Schuhsohlen und er ging ein paar Schritte hin und her, während er das dunkelblaue Wallen betrachtete. Wie die Frau dort bei diesen Temperaturen so unbewegt stehen konnte, verstand Christian nicht. Seit einigen Wochen beobachtete er sie nun, weil sie sich so seltsam benahm. Immer abweisend, meist mit unsicherem und ausweichendem Blick. Nie hatte sie mit jemandem ein Wort gewechselt oder auch nur einen anderen angesehen.

In der Ferne hörte er einen Motor und hoffte, dass es sich um den lang erwarteten Bus handelte. Nebenan brummte eine Frau: „Hoffentlich ist das nicht wieder nur so´n blöder Laster.“ Einige der Umstehenden murrten zustimmend.

Ein Gedanke flatterte durch Christians Hirn, so unstet und flüchtig wie ein Schmetterling.

Vielleicht bedeutete das pulsierende Dunkelblau auch: Selbstmord?

Das Brummen näherte sich schnell und Christian wusste ohne hinzusehen, dass es nicht der Bus war, sondern einer der riesigen Transporter, die hier die Straßen unsicher machten. Noch einen Schritt näher trat er an die Frau heran. Wenn sie sich vorwärts stürzen würde, könnte er sie aufhalten.

Ob sie ihm hinterher böse sein würde? Und wenn, er würde sich um sie kümmern. Tief innen drin spürte Christian ein warmes Gefühl. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er wirklich mit dem Herzen.

Mit all seiner Kraft sendete er ihr immer wieder: „Kehr um!“ und spürte, wie sich sein Gehirn fast zusammenkrampfte, so konzentriert starrte er die Frau dabei an. Er ahnte nicht, wie sie sich in diesem Moment glichen.

In Arianes Garten brach ein Wispern und Raunen an. Sehnsüchtig öffnete Ariane die Augen und sah ein elfenbeinfarbenes Band durch die klare Luft schweben. „Kehr um.“, rief es immer wieder und bildete lange Wellen, verlockend und voller Versprechen.