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Tatadamm


„Das Bett ist bequem“, dachte ich, als ich hier einzog. Da wusste ich noch nicht, dass es mein letztes Bett sein würde. Obwohl… Ich hätte es wissen können. In meinem Alter und mit dieser Krankengeschichte. Ein Wunder war nicht zu erwarten. Nicht für mich.

Tatadamm. Im Hintergrund läuft „Boléro“ von Ravel, eines meiner Lieblingsstücke. Tatadamm. Die Töne steigen an, um gleich danach wieder in das Tatadamm zu münden, das mich an das gleichförmige Marschieren von Soldaten erinnert. Auch ich bin ein Soldat, der marschiert, tatadamm.

Ich habe diese Musik immer als tröstlich empfunden und deshalb begleitet sie mich bis ans bittere Ende. Das war mein Wunsch.

Wie pathetisch das klingt!

Ich will mich keinen Träumen von einem „Weiter so, du schaffst das“ hingeben, sondern marschieren. Wenigstens mit meinen Gedanken, weil mein Körper es nicht mehr leisten kann.

Das Marschieren fällt mir leicht. Ich habe die Augen geschlossen. Ab und zu kommt eine der Schwestern und sieht nach mir, betupft meine trockenen Lippen mit etwas Flüssigkeit.


Die Musik läuft in einer Endlosschleife.

Es ist doch erstaunlich, dass ich keinen Hunger, keinen Durst empfinde. Eine kluge Frau sagte einmal, dass Sterbende nicht verhungern und verdursten, wenn sie die Nahrungsaufnahme verweigern. Verhungern und Verdursten kann nur jemand, der Hunger und Durst verspürt. Sterbende können das nicht. Ich kann es auch nicht.

Während die Musik weiter anschwillt und meinen Kopf ausfüllt, bedauere ich, dass niemand mehr da ist, der mir Gesellschaft leistet, meine Hand hält. Ja, ich weiß, es ist ein schwerer Dienst, neben einem Sterbenden zu sitzen. Ich habe es schon gemacht. Grete, meine Frau, und Ina, mein einziges Kind, sind mir vorangegangen. Tatadamm.

Ob ich sie wiedertreffen werde? Werden sie auf mich warten?

Ich weiß es noch nicht. Von diesem vielgepriesenen Licht am Ende des menschlichen Weges sehe ich noch nichts, tatadamm.

In mir ist Frieden. Ich bereue nichts, was ich getan habe. Jeder Mensch macht Fehler. Deshalb sind wir so einzigartig. Und ich habe vergeben, was mir angetan wurde.

Ich bin es leid, zu kämpfen. Bin das Einerlei des Alltags leid, das Gefühl, ständig irgendwie im Treibsand zu versinken und über meine Kräfte hinaus mit meinem Schicksal zu ringen, damit ich noch ein wenig länger im Alltag verweilen kann.

Es ein Privileg des hohen Alters, nein zu sagen zum Leben, ich weiß. Wenigstens das ist mir geblieben.

So müde bin ich.

Mancher mag das nicht verstehen. Ich tat es früher auch nicht. Aber es kommt für jeden Menschen der eine Punkt, wo Leben nur noch Kampf bedeutet. Kampf mit den kleinsten Dingen, die anderen alltäglich erscheinen. Und dann stellst du bei genauer Betrachtung fest, dass sich doch nur alles wiederholt, dass nichts Neues mehr passiert, für das sich der Kampf lohnt. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Immer das Gleiche. Sonne und Regen, Versprechen von Politikern, die doch nicht gehalten werden. Schreiben vom Amt, die niemand versteht. Makler, die dir das Haus unterm Hintern wegverkaufen wollen, geldgierige Banker, die dir noch mit 85 Jahren einen Bausparkredit andrehen wollen, damit sie ihre kleine Provision einstreichen können und so vieles mehr von dem, was ich jetzt hinter mir lassen kann und will. Tatadamm.

Wie wunderschön diese Musik ist.

Ich wünsche mir, dass ich sie bis zur Pforte des Jenseits hören darf, egal, wie es dort aussieht. Aber ich hoffe natürlich, dass dort nicht nur meine Lieben auf mich warten, sondern etwas da ist, dass mir alle Sorgen nimmt. Den ganzen Tag auf einer Wolke oder einer Blumenwiese zu sitzen, wäre keine Erfüllung für mich. Das weiß ich, obwohl ich mir nie viele Gedanken gemacht habe, was mich das Jenseits schön finden ließe. Dafür ist es jetzt auch zu spät.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich heute marschieren werde. Zeit erscheint mir überflüssig.

Einen Moment, dessen Länge ich nicht einschätzen kann, einen Moment lausche ich nur auf das gleichförmige Tatadamm. Es pinselt mir mit zarten Strichen die Seele rein.

Ich habe den Tod immer mit der Farbe Schwarz verbunden. Wohl, weil meine Großeltern früher schwarz zum Zeichen ihrer Trauer trugen. Als zuerst Grete und dann Ina gingen, war da so eine lähmende Schwärze in mir, als sei ich ebenfalls gestorben. Aber ich konnte kein Schwarz tragen. Warum sollte ich meinen Kummer so offensichtlich zur Schau tragen? Ich trug Weiß. Als Zeichen der Hoffnung, dass ich meine Lieben wiedersehen würde.

Das Bett ist bequem, ja, ich weiß das. Ich denke, dass mir die Empfindung abhandengekommen ist, irgendetwas zu fühlen, außer dem gleichförmigen und dennoch hoffnungsvollen Tatadamm der Musik. Sie fliegt mir ins eine Ohr hinein, verweilt in meinem Kopf und strömt dann durchs andere Ohr hinaus in den Raum. Wenn ich mich anstrenge, kann ich die Töne sehen. Sie sammeln sich unter der Decke und warten auf den Augenblick, wenn sie zusammen mit meiner Seele in die Freiheit fliegen können. Lauter winzige Tatadamms.

Die Schwestern habe ich gebeten, nach meinem Tod die Fenster breit zu öffnen und die Musik noch ein Weilchen laufen zu lassen. Ich möchte von den Klängen getragen hinaus ins Weite fliegen. Nicht einen einzigen Ton möchte ich zurücklassen. Dieser Moment gehört mir. Bald ist es soweit.