Vom Leben und Sterben

Anlässlich meiner neuesten Kurzgeschichte, „Tatadamm“, lade ich dich ein, mit mir mal über das Thema „Leben und Sterben“ zu philosophieren. Das ist ja etwas, um das wir uns gerne herumdrücken, obwohl wir alle wissen, dass das Leben endlich ist.
Meine Kurzgeschichte „Tatadamm“ ist nicht traurig, eher friedlich. Da geht jemand aus der Welt, zufrieden, ohne Groll, sogar mit einer gewissen Gelassenheit und auch Sehnsucht, das irdische Leben zu verlassen und -vielleicht- in einer anderen Welt einen Neuanfang zu wagen.
Wenn Menschen sagen „Ich möchte sterben“ können wir, die doch das Leben so sehr lieben, das mitunter nicht verstehen. Geht es dir auch so?
Versetze ich mich in ganz alte Menschen hinein, kann ich persönlich diesen Wunsch nachvollziehen. Sie haben schon Vieles gesehen, so ziemlich alle Erfahrungen gemacht, die das Leben für uns bereithält und sie sind müde angesichts der immerwährenden Wiederholung der Schattierungen unseres Daseins. Nach der fünfzehnten Fußballweltmeisterschaft gibt es nichts, was uns daran neu erscheint. Der achtzigste Sommer wird nur noch als heiß und ermüdend empfunden, das Geschwätz der Nachbarn oder gar das eigene als inzwischen belanglos und uninteressant und sich immer wiederholend verspürt.
Hinzu kommen der körperliche Verfall, ein nachlassendes Gedächtnis und Einsamkeit angesichts der Tatsache, dass liebe Familienangehörige oder Freunde schon den letzten Weg gegangen sind. Ich kann verstehen, dass es für diese Menschen eine Erlösung ist, dem Leben ade zu sagen. Sie haben ihr Leben gestaltet, waren vielleicht nicht immer zufrieden, haben Fehler gemacht, die sie nicht mehr korrigieren können und blicken nun zurück. Sie empfinden möglicherweise Hilflosigkeit angesichts der Tatsache, dass sie bestimmte Dinge nicht ungeschehen machen können oder Freude, die Last abstreifen zu können und in einer anderen Welt liebe Weggefährten wiederzutreffen.
Sehr kranke Menschen werden ähnlich empfinden, des Lebens müde sein, das zuletzt vielleicht nur noch aus Schmerzen besteht. Jedoch geht hier eine Phase der Trauer voraus, die je nach Lebensalter oder Vitalität andauert. Sie trauern um das, was sie verlieren, was sie noch nicht erleben durften, die Menschen, die sie zurücklassen und Vieles mehr. Angesichts dieser Trauer fällt es dem Umfeld mitunter schwer, sich auf die Person einzulassen, deren Trauer mitzutragen oder wenigstens als einen Prozess anzuerkennen, der notwendig ist. Ich lese häufiger, dass zum Beispiel Krebskranke auch von unmittelbarer Familie im Stich gelassen werden, weil diese nicht mit dem Gedanken umgehen kann, die Person durch eine schmerzerfüllte und angsteinflößende Zeit zu begleiten. Das ist tragisch. Gerade dann, wenn Trost und vielleicht Hilfe benötigt werden.
Bei schwerer Krankheit können wir aber wahrscheinlich am besten nachvollziehen, warum wir den Satz hören „Ich möchte sterben“. Wer einmal im Hospiz war und miterlebt hat, wie gelöst Sterbende den Tod annehmen können, weiß, was ich meine.
Wenn Menschen unverhofft sterben oder es sich um junge Menschen, Kinder, handelt, dann trauern wir Zurückgebliebenen um all die Dinge, die diese Menschen nun nicht mehr erleben können. Wir trauern aber auch darum, dass wir sie nicht mehr begleiten, nicht mehr sehen können, wie sie ihren Lebensweg gestalten und was sie der Welt schenken könnten.
Man ist in einer solchen Situation sehr motiviert, sein eigenes Leben anzuschauen. Habe ich schon alles erlebt, was ich erleben wollte? Sollte ich mich nicht vielleicht mit den Menschen versöhnen, mit denen ich im Streit liege? Ist meine berufliche Laufbahn wirklich meine Erfüllung? Und so weiter.
Insofern sind Todesfälle in unserem Umfeld, wenn der Schock abebbt, Organisatorisches erledigt ist und die erste Trauer etwas milder wird, auch immer der Punkt, an dem wir uns selbst und unsere Lebensgestaltung konkreter hinterfragen. Hin und wieder verändern wir danach tatsächlich etwas und sei es auch nur für kurze Zeit, um danach in den alten Trott zu verfallen. Aber das ist in Ordnung. Das Leben muss ja weitergehen. In jedem Fall haben wir einmal innegehalten. Das Sterben verändert diejenigen, die überleben, mehr, als wir uns mitunter vorstellen können.
Nun heißen ja meine Betrachtungen „Vom Leben und Sterben“ und ich könnte jetzt, blabla, den Aufruf starten, doch endlich mal all die Dinge zu erledigen, die schon lange auf der Agenda stehen, von denen wir träumen oder die unserem Leben eine Wendung geben können. Ehe es zu spät ist.
Ich mache es nicht.
Das Leben ist nämlich wie das Schreiben. Ich nehme mir zum Beispiel vor, meine Figuren eine bestimmte Entwicklung durchlaufen zu lassen. Was dann passiert, kann ich nur am Rande beeinflussen. Meine Figuren entwickeln ein Eigenleben. Ihnen stoßen Dinge zu, die ich nicht geplant habe. Sie treffen auf Personen, denen sie eigentlich nicht begegnen sollten, sie lösen Probleme auf eine Art, die ich nicht vorhergesehen habe oder sie tun etwas, das ich ihnen am Anfang des Schreibens bei Gott nicht zugetraut hätte.
Und genau das ist es. Das Leben. Wir können planen und mit einem bisschen Glück entwickelt sich etwas in die Richtung, die wir als wünschenswert erachten. Tja, peng, dann kommt irgendetwas dazwischen. Etwas, das wir nicht planen oder vorhersehen konnten, etwas, das uns unsere Kraft raubt oder einen Energieschub verleiht, der uns in eine völlig andere Richtung treibt. Andere Menschen, Ereignisse, Siege und Rückschläge. Wenn ich als Autorin nicht mal das Leben und Treiben meiner Figuren im Griff habe, wie soll das dann im realen Leben vonstattengehen?
Wenn wir uns eingestehen, dass wir nur einen kleinen Teil von dem lenken können, was uns erstrebenswert und richtig erscheint, dann fällt es leichter, am Ende zu sagen: Ich habe mein Bestes getan.
Und selbst wenn wir mehr Potenzial hatten und es nicht ausgeschöpft haben, dann gibt es auch dafür Gründe. Shit happens. Es sollte so sein.