Die Mitternachtsbibliothek

Dieses Buch von Matt Haig glänzt nicht so sehr durch einen auffallenden Schreibstil, sondern wegen seiner Grundidee und deren Umsetzung.
Haigs Hauptfigur Nora nimmt sich das Leben und stellt fest, dass es zwischen den Welten, die Leben und Tod heißen, eine Bibliothek gibt, in der es immer Mitternacht ist. In dieser Bibliothek befinden sich unendlich viele Leben, die Nora hätte führen können. Nun hat sie plötzlich die Möglichkeit, verschiedene Leben auszuprobieren und zu schauen, was sie anders hätte machen können oder zu sehen, ob dieses ihr eigene und stets gegenwärtige Gefühl, etwas verpasst zu haben, wirklich berechtigt ist. In einem Leben ist sie eine Komponistin und Sängerin, in einem anderen Mutter, Schwimmweltmeisterin, Lehrerin, Weinbäuerin uvm.
Nora stellt fest, dass jede Veränderung zu dem Leben, welches sie tatsächlich gelebt hat, auch große und kleine Auswirkungen in dessen Verlauf zeitigt. Und die sind nicht immer positiv, sondern mitunter traurig und schockierend.
Die Idee „was wäre, wenn…“ finde ich faszinierend. Wer würde nicht gerne mal nachschauen, ob und wie das Treffen anderer Entscheidungen das eigene Leben beeinflusst hätte. Wäre es völlig anders verlaufen? Welchen Menschen hätten wir (nicht) getroffen, welchen Herausforderungen hätten wir uns gestellt, welche Siege hätten wir errungen oder welche Fehler hätten wir stattdessen gemacht?
Nora gewinnt durch das Eintauchen in die unterschiedlichsten Leben und ihre unterschiedlichsten „Ichs“ gewichtige Erkenntnisse. Vor allem, dass sie selbst nur einen marginalen Einfluss darauf hat, wie das Leben sich entwickelt. Sie lernt aber auch, besser darauf zu hören, was sie selbst möchte und nicht darauf, was andere von ihr fordern.
In der Mitternachtsbibliothek steht die Zeit währenddessen still und Nora kann sich letztendlich entscheiden, ob sie sterben oder doch lieber leben möchte.
Dieses Buch ist nicht so sehr ein Ratgeber für Mutlose oder Unzufriedene , sondern regt zum Nachdenken an. Wir begleiten Nora in ihre verschiedenen Leben und können damit gut reflektieren, ob unserer eigenen Sehnsüchte und Wünsche es wert sind, unser Leben zu verändern oder ob wir das schätzen lernen, was wir haben.