Der schöne Garten (Teil 7)
Charlotte erkannte die Villa sofort. Früher wohnte da ein Mann zusammen mit seiner Frau und einer Tochter. Seinen Reichtum hatte er mit Küchengeräten gemacht. Charlotte war ihm nur einmal begegnet, als sie mit ihrer Tante Stoffmuster für die Dame des Hauses geliefert hatte. Obwohl… Eine Begegnung konnte man das nicht nennen. Er war in einem luxuriös aussehenden Cabriolet an ihnen vorbeigebraust, während sie und Tante Karla den Lieferanteneingang aufgesucht hatten.
Begegnet waren sie dann tatsächlich seiner Frau und dem kleinen Mädchen, das nun inzwischen lange eine erwachsene Frau sein musste. Charlotte erinnerte sich, dass sogar der Lieferanteneingang einschüchternd groß war. Eine Art Butler hatte dann im Auftrag der Frau von der…, wie hieß sie gleich nochmal? Egal, der in einem beeindruckend tadellosen Anzug gekleidete Angestellte, hatte die Stoffmuster entgegengenommen und war eine Zeitlang damit verschwunden.
Tante Karla und sie hatten die Atmosphäre des Hauses bestaunt. Hier war einfach Geld zu Hause, das merkte man, ohne dass man viel gesehen haben musste.
Charlotte schloss kurz die Augen. Da war auch wieder dieser spezielle Geruch in ihrer Nase. Hm, Reichtum konnte man riechen.
Und nun, viele Jahre später stand sie hier und erinnerte sich an den Butler. Ob es den noch gab?
Charlotte linste durch das Tor, dessen schmiedeeiserne Schnörkel allein wahrscheinlich schon ein Vermögen kosteten. Niemand war zu sehen. Dann öffnete sich das Tor automatisch. Wenn Falk tatsächlich hier wohnte und nun vielleicht herausgefahren kam? Sie merkte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Geistesgegenwärtig lief sie ein paar Schritte zurück, drehte sich in Richtung des Zauns und tat so, als suche sie etwas ganz Dringendes in ihrer Handtasche. Den Kopf tief über die nachgemachte Gucci mit dem merkwürdigen Namen Tote Bag gebeugt linste sie unter ihren Haarsträhnen hervor.
Ein grünes Auto fuhr vom Grundstück, bog jedoch in die andere Richtung ab. Erst jetzt merkte Charlotte, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Das war knapp!
Natürlich, es war Falks Jaguar. Keine Frage. Sie hatte ja mehrfach daringesessen. Und ganz gewiss war es auch Falk gewesen, der am Steuer saß. Auch wenn sie ihn nur von hinten gesehen hatte. Ein merkwürdiges Gefühl drückte in ihrer Brust.
Charlotte sah, wie sich die Torflügel langsam schlossen. Eigentlich hatte sie bereits die Information, die sie haben wollte. Und dennoch…
Schnell huschte sie durch die Lücke im Tor und um die Ecke hinter eine penibel gestutzte Hecke, die ein kleines Wäldchen säumte. Sie ging ein Stück in die Knie. Es musste sie ja niemand sehen. Wie sollte sie denn ihre Anwesenheit erklären? Herr Sicherheitsmann, meine Blase hat gedrückt und ich wollte mich nur schnell in die Büsche hocken?
Sie kicherte. Noch besser: hier wohnt mein verflossener Liebhaber und ich will mein Geld zurück?
Stimmte ja.
Linkerhand von der Zufahrt ging es leicht bergab. Der Rasen war gut gepflegt, da lag kein Blatt auf dem Grün . Etwas weiter standen blühende Büsche, so dass sie die Villa nicht gänzlich sehen konnte. Aber das Gelb der Fassade schimmerte bis hierher und nun sah sie auch einen Teil der großen Fenster, die den unteren Teil des Hauses zierten.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, so nah an Falks Zuhause zu sein.
Auf was hatte sie sich nur eingelassen?
Sie verharrte. Unschlüssig, ob sie nicht lieber wieder verschwinden sollte. Was konnte es denn bringen, wenn sie hier herumschlich?
Herrgott, Falk, in was für eine Bredouille hast du mich gebracht?
Vielleicht konnte sie trotzdem noch etwas herausfinden. Vor Charlottes innerem Auge ploppte eine Szene auf. Maria, Gislinde und sie brachen als Ninja verkleidet in die Villa ein, stahlen wertvolle Gegenstände und verhökerten sie bei Ebay. Und das, was über ihren eigenen Verlust hinaus erlöst wurde, spendeten sie an einen Verein, der sich um betrogene Frauen kümmerte. Wenn es denn einen solchen Verein gab. Aber die Idee war gut. Und die Ninjaverkleidung sensationell. Charlotte lächelte breit.
Im Hier und Jetzt stand sie allerdings immer noch in gebückter Haltung hinter der Hecke. Sie richtete sich vorsichtig auf, ließ den Blick schweifen und beschloss, erst einmal in Deckung zu bleiben. Nachher konnte sie immer noch behaupten, sie hätte mal in die Büsche gemusst und suche nun einen Ausgang. Das Tor war ja schließlich zugefahren, während sie ihr Pfützchen gemacht hatte. Charlottes Blase signalisierte soeben, dass das Pfützchen kein Hirngespinst war. Also ging sie wieder in die Knie, nestelte dabei ihren Schlüpfer eine Etage tiefer und tat, was getan werden musste.
Kein Sicherheitsdienst erschien. Die Vögel zwitscherten, die Sonne malte hübsche Schatten durch das Laub der Bäume und es duftete nach irgendwelchen Blüten. Herrlich!
Ein Stück weiter leuchtete etwas durch die Bäume, das Charlotte nicht zuordnen konnte. Sie musste schon wieder grinsen, als sie bemerkte, dass sie sich auf Zehenspitzen vorwärtsbewegte, wie ein Mäuschen, das die Katze nicht stören will. Als ob sie jemand hören könnte.
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste dachte sie, kicherte über sich selbst und dann sah sie, was sie neugierig gemacht hatte. Direkt an das Wäldchen grenzte ein Park voller Blumen, in dem unzählige Statuen verteilt waren.
Charlotte trat unter den Bäumen hervor und staunte. Wunderschön! Ein Schwarm fliegender Vögel in Stein gehauen, Skulpturen von Männern, Frauen und Kindern, graziöse Formen, die sie nicht zuordnen konnte, Fische und steinerne Pflanzen, die dem natürlichen Vorbild nachempfunden waren. Das Zusammenspiel von blauem Himmel, Sonnenschein, Blumen und der Zahl dieser Kunstwerke verschlug ihr den Atem. Wer hatte das alles geschaffen? Und warum war dieser Garten so weit von der Villa angelegt und so versteckt?
Ohne zu überlegen, wanderte Charlotte die schmalen Wege entlang, berührte hier eine steinerne Wade, strich dort über eine elegante Kurve. Ein Garten der Sinne.
Es konnten nur wenige Minuten vergangen sein, als jemand sie ansprach.
„Hallo?“
Charlotte zog vor Schreck die Schultern nach oben und machte große Augen. Sie hatte ganz vergessen, dass sie sich hier gar nicht aufhalten durfte.
„Ähm …“.
Ein paar Schritte neben ihr stand eine Frau. Sie sah nicht aus, wie der Sicherheitsdienst. Zumindest trug sie keine Uniform.
„Äh, also Entschuldigung. Ich sollte nicht hier sein.“
Die Frau lächelte. Ihr Gesicht war nicht ganz ebenmäßig, strahlte aber eine heitere Gelassenheit aus.
„Ich weiß.“
Charlotte kratzte sich am Hinterkopf und drückte ihre Handtasche näher an den Körper.
„Bitte rufen Sie nicht den Sicherheitsdienst. Ich gehe sofort wieder, wenn Sie mir das Tor öffnen.“
„Gefallen sie Ihnen?“
Die Frau zeigte auf die Skulpturen.
Charlotte hielt einen Moment inne. „Äh, ja, sogar sehr. Der ganze Garten ist wunderschön.“
Ob die Frau die Gärtnerin war, die sich um die Pflege der Blumenpracht kümmerte? Eine Art Kittel und verschmutzte Hände sprachen dafür.
Die Frau lächelte immer noch.
„Das freut mich.“
Unsicher fragte Charlotte sich, was das zu bedeuten hatte. Zumindest klang es nicht danach, als ob die Frau den Sicherheitsdienst oder die Polizei holen würde.
„Ich sollte gehen. Bitte entschuldigen Sie die Störung.“ Auffordernd sah sie die Gärtnerin an.
„Aber Sie haben doch noch gar nicht alles gesehen.“
Charlotte las mit Hingabe Krimis und deshalb kam ihr der Gedanke, dass die Frau auch psychisch gestört sein könnte. Warum sollte sie Interesse daran haben, dass Charlotte noch mehr sehen würde?
Ihr wurde ein wenig mulmig.
Die Gärtnerin schien ihre Gedanken lesen zu können. „Keine Sorge. Ich lasse Sie gleich vom Grundstück. Aber wenn Ihnen mein Garten wirklich gefällt … Es wäre mir eine Freude, wenn ich Ihnen alles zeigen dürfte. Darf ich?“
Merkwürdige Begegnung. Aber wenn sie dafür nicht den Sicherheitsdienst rufen würde, dann konnte Charlotte das Risiko eingehen. Naja, Risiko. Neugierig war sie schon, ob irgendetwas diesen Anblick hier noch toppen könnte. Sie nickte.
Die Gärtnerin lief mit ausgestreckter Hand auf sie zu. „Ich bin Ramona von der Tann-Wiesemann.“
Ach herrje! Charlotte schnappte nach Luft. Falks Frau! Das glaubten Gislinde und Maria ihr nie im Leben! Skurril. Und traurig. Sie hatte vorher nicht gewusst, dass Falk verheiratet war. Und dazu mit so einer netten Person. Dieser Schuft!
„Charlotte Klingner.“ Sie reichte Falks Frau die Hand. „Angenehm. Und bitte entschuldigen Sie noch einmal mein Eindringen.“
Die Gastgeberin lächelte erneut. „Ich freue mich über unverhofften Besuch und Ihr Interesse. Passen Sie auf. Ich zeige Ihnen alles. Dann trinken wir zusammen einen Tee und Sie erzählen mir, was Sie hierhergeführt hat. In Ordnung?“
Charlotte konnte es kaum fassen.
—-
Gislinde presste das Handy dichter ans Ohr. Sie konnte nur schlecht verstehen, was Charlotte sagte. Nun fing diese auch noch an, zu schluchzen. „So eine nette Frau. Und dieser Kerl betrügt sie und mich. Ich bin so wütend!“
„Charlotte, ich habe nicht alles verstanden. Es tut mir leid. Was war mit den Skulpturen?“
Ein lauter Schluchzer folgte.
„Er interessiert sich überhaupt nicht für ihre Arbeiten. Sie darf sie nur dort aufstellen, wo er sie nicht sieht. Ich verstehe es einfach nicht.“
Gislinde verstand es allerdings auch nicht. Falk hatte in ihrer Gegenwart immer so getan, als sei er den Künsten sehr zugeneigt. Im Nachhinein betrachtet fiel ihr allerdings auf, dass es immer um den Wert der Stücke gegangen war. Sehr materiell. Und dass die eigene Frau ihre Kunstwerke verstecken musste, war ein Unding. Wenn sie es richtig verstanden hatte, war es doch sogar ihr Grundstück. Was für ein Spiel spielte der Mistkerl eigentlich? Da passte ja überhaupt nichts zusammen.
„Charlotte, hör mal zu. Du kommst am besten direkt zu mir und wir reden in Ruhe. Ich koche uns eine Kleinigkeit, in Ordnung?“
Vor ihrem geistigen Auge sah Gislinde ihre Schicksalsgefährtin nicken. „Also komm, setz dich in den Bus. Vielleicht habe ich eine Idee, wie wir das nutzen können.“
Der Gedanke war noch ein kleiner Punkt in ihrem Hinterkopf. Aber wenn sie Falks Frau ins Boot holen könnten, dann würde aus diesem kleinen Punkt vielleicht ein Coup werden, den sie niemals vergessen würden. Gislinde konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.