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Das Ömchen winkt


Merkwürdige Überschrift, oder?

Ja und nein. Ein Thema, das mich schon länger beschäftigt, ist die Frage, ob wir verlernen, mit anderen Menschen zu interagieren.

Das in der Überschrift benannte Ömchen wohnt in meiner Straße und ich muss täglich an seinem Haus vorbei. Sehr oft sitzt das Ömchen am Fenster und freut sich, wenn Vorüberlaufende sein Winken beantworten. Die Frau geht vermutlich gut auf die Neunzig zu und lebt allein. Ihre Familie, Sohn und Tochter, sowie die Enkel kümmern sich rege. Und dennoch bleiben natürlich zwischen den Besuchszeiten viele Stunden, die die Frau füllen muss. Wir nennen sie liebevoll Ömchen, weil sie immer freundlich ist und sie uns großen Menschen so klein und verletzlich vorkommt. Vielleicht ist sie es ja auch.

Ich stelle mir vor, dass das Küchenfenster, an dem sie so gerne sitzt, ihr Fenster zur Welt ist. Sie ist nicht mehr gut zu Fuß, dreht dennoch fast täglich eine Runde am Rollator durchs Wohngebiet. Begegnungen und Impulse sind da auf ein Minimum reduziert. Treffe ich sie, bleibe ich immer auf einen kleinen Plausch stehen. Eher Smalltalk, aber halt eine kleine Übung für ihre Stimmbänder und fürs Gemüt.


Wenn das Ömchen hinter der Fensterscheibe winkt, winke ich zurück, wackle mit dem Regenschirm oder mache Gesten, die zum Beispiel anzeigen, ob es kalt oder windig ist. Mehr braucht es auch nicht. Wir gehen beide aus so einer kleinen Begegnung mit einem Lächeln heraus und das finde ich schön.

Neulich las ich bei Threads, wie eine junge Frau sich darüber beschwerte, dass in ihrem Mehrfamilienhaus ein älterer Mann wohnt. Der würde wohl jedes Mal winken oder grüßen, wenn sie das Haus betritt oder verlässt. Es nerve sie, von ihm zu einem „Hallo“ genötigt zu werden. Meine Anregung dazu, sich eventuell Gedanken darüber zu machen, warum ihm das so wichtig ist (Einsamkeit?) oder ihn darauf anzusprechen, dass es nicht als angenehm empfunden werde, kam nicht gut an. Ein Kommentar dazu lautete, dass der Mann sich doch mal reflektieren sollte, dass er anderen auf die Nerven gehe mit seinem Verhalten. Hm. Da soll jemand, der freundlich grüßt, sich reflektieren, weil derjenige, dem sein Verhalten nicht gefällt, es als unangenehm empfindet, aber zu feige ist, sich damit auseinanderzusetzen. Aha.

Ich vermute, dass das so ein Generationending ist. Ich las nämlich auch Beschwerden von jungen Menschen, dass zum Beispiel beim Betreten des Wartezimmers beim Arzt gegrüßt werden müsse und dies als Zumutung empfunden wird. Für ältere Menschen ist das allerdings eine ganz normale Frage der Höflichkeit. Also, woran liegts?

Die Kommunikation hat sich, seit es Smartphones, Zoom-Meetings und WhatsApp gibt, tatsächlich verändert. Davon nehme ich mich nicht aus. Die Benutzung dieser Apps ist Teil unseres Lebens geworden und ich möchte sie auch gar nicht missen. Über WhatsApp halte ich zum Beispiel viel Kontakt zu Leuten, die ich nicht regelmäßig anrufen würde, mit denen ich aber gern in Verbindung bleibe.

Das reale Leben findet dennoch hier und jetzt statt, nicht im Internet, nicht in einer App. Begegne ich Menschen außerhalb des digitalen Raums, muss ich mich immer noch damit auseinandersetzen, ob diese Begegnung angenehm oder unangenehm ist. Und ich muss mir überlegen, wie ich damit umgehe. Vom Gegenüber zu erwarten, dass der sich in mich hineindenkt und dann sein eigenes Verhalten verändert, damit ich kein Unbehagen mehr spüre, ist zuviel verlangt. Ich rede natürlich nicht von sexuell ambitioniertem oder anderem unangebrachten Verhalten. Da erkennt jeder Erwachsene, welches Verhalten unangemessen ist. Gehört Grüßen oder der kleine Smalltalk auf der Straße dazu? Kann ich von meinem Gegenüber erwarten, dass er erkennt, wie es mir mit dem „Gesprächsangebot“ geht, wenn ich zu feige bin, zu mir selbst zu stehen? Haben unsere jungen Menschen verlernt, zu entscheiden, ob sie beispielsweise den Gruß erwidern oder ignorieren oder der anderen Person kommunizieren, dass sie sich damit nicht wohlfühlen?

Ich habe doch jederzeit die Möglichkeit, meine Reaktion auf die Kontaktaufnahme des Gegenübers zu steuern und die zwischenmenschliche Interaktion so zu gestalten, wie ich es als angenehm empfinde.

Oder ich halte es einfach mal aus. Ein kurzes Hallo tut ja nicht weh.

Als Autorin interessieren mich natürlich die Hintergründe des jeweiligen Verhaltens. Ich möchte ja glaubwürdige Figuren schaffen. Beim Ömchen ist es einfach. Ihr Fenster zur Welt ist der Ersatz fürs Fernsehen. Ihr sind reale Menschen lieber, als seichte Unterhaltung. Selbst wenn in unserer Siedlung sehr selten dramatische Szenen passieren, die irgendwelchen Unterhaltungswert haben. Das Ömchen nimmt so ein kleines Stück am Leben in der Nachbarschaft teil und überbrückt damit die Zeiten zwischen den Besuchen ihrer Lieben. Andersherum denke ich darüber nach, was passiert sein könnte, wenn ich sie mal ein paar Tage nicht am Fenster gesehen habe. Auch das gehört dazu. (Ich weiß, dass die Familie sich sehr kümmert, deshalb ist die Sorge gering. Aber sie ist da.)

Bei der jungen Dame von Threads bin ich mir nicht sicher, ich kenne sie ja nicht und da möchte ich  kein (grundsätzliches) Urteil fällen. Dass es zum Beispiel psychisch kranken Menschen schwerfällt, Kommunikation als etwas Angenehmes zu empfinden, kann ich gut nachvollziehen. Aber das sind meiner Erfahrung nach eher diejenigen, die still leiden und versuchen, es zu ertragen. Sie erwarten nicht, dass das Gegenüber sich von sich aus „reflektiert“, wenn es um Alltagsgesten geht. Diesen Eindruck hatte ich hier nicht.

Was mir an Hand der Kommentare auffiel, die ihr zustimmten und gar die „Reflektion“ des Mannes forderten, ist, dass die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen auf das Gegenüber verlagert werden. Der grüßende Mann soll erkennen, was er mit seinem „Hallo“ verursacht. Er soll sein Verhalten den Erwartungen der jungen Frau anpassen.

Was steckt dahinter? Wenn Menschen sich selbst als zentralen Punkt des Seins betrachten, dem alle anderen bringepflichtig sind, dann kann eine Ursache eine falsch gemeinte Erziehung sein. Bedürfnisorientierte Erziehung stellt das Kind in den Mittelpunkt und das ist gut so. Wir dürfen aber nicht vergessen, zu vermitteln, dass alle anderen Menschen ebenfalls das Recht haben, ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen und dass diese gegenseitigen Rechte auch ausgewogen in Anspruch genommen werden sollten. Das scheint hier im vorliegenden Fall nicht zu funktionieren und führt zu Frust, der mit ein klein wenig Kommunikation vermeidbar wäre.

Für mein Schreiben ist die Auseinandersetzung mit solchen Themen wirklich spannend. Will ich Protagonisten schaffen, in denen sich junge Leute wiedererkennen, muss ich Entwicklungen verfolgen und kann nicht erwarten, dass die Leser sich meinen (altbackenen?) Ansichten fügen. Ich gestehe, das ist manchmal harte Arbeit. Aber ich tue sie gerne, weil sie mein Fenster zur Welt vergrößert und mich bereichert.

Was sind deine Erfahrungen zu diesem Thema?