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Geschwister


Geschwister… Ja, das ist ist ein Thema, das viele Menschen ein Leben lang begleitet. Diejenigen, die Geschwister haben, sich aber nicht mit ihnen vertragen oder diejenigen, die eine liebevolle Geschwisterbeziehung pflegen oder die Beides kennen. Das Thema „Geschwister“ ist eins, dem wir nicht ohne Gefühle begegnen können.
Warum ist das so?
Ich selbst bin mit einem Bruder aufgewachsen, der etwas über ein Jahr jünger ist als ich. Wir hatten als kleinere Kinder eine gute emotionale Verbindung zueinander. In der Zeit, in der wir uns am stärksten entwickelten – also in den Teeniejahren – waren wir uns mitunter jedoch nicht gut gesinnt. Vermutlich kennen das viele Geschwisterpaare.


Erstaunlicherweise sind Geschwister, auch wenn sie miteinander aufwachsen und ähnliche Anlagen und Interessen haben, dennoch sehr verschieden. Man könnte ja denken, dass sie mit der gleichen Mutter und dem gleichen Vater doch irgendwie größere Ähnlichkeiten miteinander teilen müssten. Dem ist aber nicht so – zumindest nicht vollständig.
Es gibt unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze zur Untersuchung von geschwisterlichen Beziehungen und Entwicklungen. Eins haben die Untersuchungen gemein: Es spielt sehr häufig die Geburtsreihenfolge eine Rolle, in welchen Abständen die Kinder geboren wurden und natürlich die Anzahl der Geschwister. Ob das Kind das Älteste, das Mittlere oder das Jüngste ist, ob die Abstände zwischen den Geschwistern größer oder kleiner sind und natürlich, ob es seitens der Eltern gewisse Vorlieben oder Abneigungen für einzelne Geschwisterkinder gibt.
Einen Einfluss hat auch die Akzeptanz der verschiedenen Anlagen der Kinder. Wird eins besonders gefördert, weil es vielleicht sehr intelligent ist und die Eltern hoffen, nun bald einen Akademiker in der Familie zu haben, während das andere Kind, das zwar nicht mit guten Noten glänzt, aber sehr kreativ ist, vielleicht hintenan gestellt wird. Ob das eine Kind dem anderen immer als Vorbild dienen muss oder mehr Zuwendung bekommt, weil es sich den Vorstellungen der Eltern besser anpasst, ob es mehr Verantwortung in der Familie übernehmen muss oder eher das schwarze Schaf der Familie ist usw.

Das Feld dessen, was Geschwisterkinder während ihrer gemeinsamen Zeit des Aufwachsens widerfährt, ist deshalb prägend für das Verhältnis zueinander und oft prägend auch für das weitere Leben.
Geschwisterbeziehungen sind nicht selten durch Rivalität und Eifersucht gekennzeichnet, die sich schon bei kleineren Kindern bemerkbar machen kann. Jedes Kind möchte die Aufmerksamkeit der Eltern für sich beanspruchen, das ist ja ganz normal.
Gelingt es Eltern nicht, ihre Liebe und Aufmerksamkeit gerecht zu verteilen, legen sie den Grundstein für schlechte Beziehungen zwischen ihren Kindern.

Ich wurde meinem Bruder zum Beispiel wegen meiner schulischen Leistungen immer als Vorbild hingestellt. Erst viel später konnte ich nachvollziehen, wie es sich für ihn angefühlt haben muss, nicht in seiner Person wahrgenommen zu werden, sondern immer am Maßstab der großen Schwester gemessen zu werden. Seine Stärken lagen eben woanders, aber das zählte nicht. Wie schade!
Ich wiederum wurde nicht wahrgenommen in meinem Bedürfnis nach Autonomie. Unsere Eltern schlichteten Streit nicht mit der Betrachtung und Veränderung von Ursachen, sondern mit der „Anweisung“, dass wir uns vertragen sollen. Na prima!

Eine Freundin von mir musste zu Lasten ihrer eigenen Freizeit oft die kleineren Geschwister hüten. Eine andere musste erfahren, wie es sich anfühlt, wenn die Brüder machen durften, was sie wollten und nur sie stets und ständig gemaßregelt wurde. Diese Aufzählung könnte ich beliebig fortsetzen. Unstrittig ist, dass das Verhalten der Eltern maßgeblich Einfluss auf die Dynamik der geschwisterlichen Beziehungen hat. Für viele setzt sich das bis weit ins Erwachsenenleben fort.

Wenn ich auf die Frage, warum das Thema Geschwister immer auch ein Gefühlsthema ist, antworten soll, dann gibt es nur eine Antwort. Weil Gefühle, die in der Kindheit verletzt wurden, manchmal nicht heilen.
Allerdings wissen die meisten instinktiv, dass ihre Geschwister keine Schuld daran haben, wie Eltern ihre Kinder behandeln. Dass es Geschwister gibt, die bevorzugt werden und dies entsprechend für sich ausnutzen, können die benachteiligten Geschwisterkinder vielleicht im Erwachsenenalter zumindest nachvollziehen. Die Verletzungen bleiben dennoch, wenn sie auch möglicherweise zu Gunsten einer harmonischen Beziehung zu Bruder oder Schwester unterdrückt werden.

Natürlich möchte ich an dieser Stelle auch die liebevollen Geschwistergemeinschaften erwähnen, die es Gott sei Dank ebenfalls (und hoffentlich zahlreich) gibt. Und es gibt die Geschwisterbeziehungen, die sich im Lauf der Zeit wandeln, ins Gute, wie ins Böse. Alles ist möglich und menschlich.
Mein Bruder und ich haben die manchmal schwierige Zeit im Elternhaus gut überstanden und spätestens seit meinem Auszug und der damit verbundenen räumlichen Trennung (wieder) ein liebevolles Verhältnis zueinander. Manchmal schimmert sein Schmerz über die Ungleichbehandlung noch durch, aber wir können gut damit umgehen. Und wir sind beide froh, dass wir uns haben.
Ich finde das Thema natürlich auch als Autorin interessant. Eben weil es so tiefgründig ist, so unterschiedliche Entwicklungen gebiert und weil man ganz wunderbar damit Gefühle der Leser wecken kann – zumindest der Leser, die mit Bruder oder Schwester aufgewachsen sind. Erfahrungsgemäß können Einzelkinder die tiefe Bindung, die zwischen Geschwistern bestehen kann, nicht so gut nachvollziehen.

Abschließend möchte ich noch ein Wörtchen an diejenigen richten, die ohne Geschwister aufgewachsen sind. Viele sind damit fein, andere haben sich vergeblich ein Geschwisterkind gewünscht und litten darunter, die Erwartungen der Eltern immer alleine erfüllen zu müssen. Das kann unheimlich anstrengend sein. Auch die Gefühle dieser Menschen sind berechtigt und bedürfen der Anerkennung.

Letztlich starten wir alle, mit und ohne Geschwister, mit einem gewissen Päckchen ins Leben, das wir nicht selbst gepackt haben. Aber wir haben es (meistens) in der Hand, das Beste daraus zu machen oder zumindest, es zu versuchen. Mein Bruder und ich haben völlig unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen und manchmal frage ich mich, ob wir tatsächlich die gleichen Eltern haben. Haben wir, da bin ich sicher. Wir sind so unterschiedlich, aber was uns verbindet, ist eine gemeinsame Vergangenheit und das ist, so finde ich, unbezahlbar.