Masken
Jeder Mensch hat Geheimnisse. Du, ich, mein Nachbar… Wir alle tragen Masken, zeigen uns nur in sehr vertrauten Momenten so, wie wir tatsächlich sind – verletzlich, sensibel, Wesen mit Bedürfnissen. Unsere Masken schützen uns und zeigen nach außen ein Bild, das uns stärker oder anders erscheinen lässt, als wir tatsächlich sind.
Der Gedanke mit den Masken kam mir letztens in der Straßenbahn. Ich beobachtete die Menschen und dachte mir so, dass ein jeder doch nur das zeigt, was er von sich zeigen will. Der Mann mit den auffälligen roten Schuhen lebt vielleicht in einer Partnerschaft, in der er untergeordnet ist. Das würde er aber nicht zugeben, weil er die Wertschätzung seiner Umgebung genießt und nicht als Schwächling dastehen möchte. Die roten Schuhe sind seine Maske.
Die stark geschminkte Frau mit der teuren Handtasche, die unablässig telefoniert, tut vielleicht nur so cool. Sie kommt möglicherweise abends in eine leere Wohnung und ist traurig, was sie aber ihren Freunden gegenüber niemals zugeben würde, um nicht schwach zu erscheinen. Sie versteckt sich hinter Schminke, teuren Accessoires und vermeintlicher Kontaktfreudigkeit.
Der Mann mit den vielen Tätowierungen (auch im Gesicht) und den merkwürdigen Zuckungen, markiert vielleicht nur den harten Kerl, weil er nicht angesprochen werden möchte. Vielleicht stottert er und schämt sich deswegen. Ich habe ihn jedoch beobachtet und sah, dass er trotz seines martialischen Äußeren ohne Aufforderung seinen Rucksack vom Sitz nahm, damit sich ein dunkelhäutiger Mann hinsetzen konnte. Und da bin ich schon bei einem wichtigen Punkt. Wenn wir nicht nur das Äußere sehen, sondern das, was die Menschen tun, dann können wir etwas über sie erfahren. Dieser bedrohlich wirkende Mann, bei dem ich wirklich überlegt habe, ob ich mich in seine Nähe setze, zeigt einem Fremden gegenüber eine freundliche Geste. Wenn er so ein harter Hund wäre, wie er uns durch sein Äußeres Glauben machen wollte, hätte er den Rucksack dort gelassen und vielleicht noch seinen Arm darübergelegt, damit auch niemand auf die Idee kommt, ihm diesen Platz streitig zu machen.
Und noch eins stelle ich gerade beim Schreiben dieser Zeilen fest. Unsere Masken tragen wir fast ausschließlich, um unsere (vermeintlichen) Schwächen zu verbergen. Es gibt sicher auch Menschen, die Masken tragen, um uns zu betrügen, aber um die geht’s mir hier nicht.
Starke oder skrupellose Menschen brauchen keine Maske. Oder?
Der aktuelle amerikanische Präsident beispielsweise agiert so, als sei es ihm völlig egal, was die Leute über ihn denken. Aber ist das so? Wir erinnern uns alle an seine erste Amtseinführung, die nicht so gut besucht war, wie er sich das vorgestellt hatte. Seitdem wissen wir, dass es „alternative Fakten“ gibt, denn er hat trotz des vorhandenen Bildmaterials Stein und Bein geschworen, dass es die Amtseinführung mit den meisten Gästen war. Und wir wissen nun ganz sicher, welchen Wert er auf Anerkennung legt, darauf, dass er besser ist als alle seine Vorgänger. Da hat er seine Maske unfreiwillig gelüftet.
Warum gehen mir diese Gedanken durch den Kopf?
Masken haben eine wichtige Funktion für uns, das habe ich erkannt.
Und: ich finde es völlig okay, wenn wir nicht jeden in unser Innerstes schauen lassen. Zuviel Vertrauen nach außen macht verwundbar. Jeder darf sich schützen, indem er seiner Umgebung nur zeigt, was er zeigen möchte. Ein Mensch kann für alle anderen die coole Socke sein und zu Hause das Mauerblümchen mit den unerfüllten Sehnsüchten. Wen geht’s etwas an? Niemanden. Es ist in Ordnung, uns im Außen anders darzustellen, als wir sind – solange wir niemandem Schaden damit zufügen.
Als Autorin ist es natürlich meine Aufgabe, die Leser hinter die Maske schauen zu lassen. Das ist einer der Faktoren, die Spannung erzeugen, aber auch Mitgefühl für die Figur, Abscheu oder gar Ärger. Ich kann damit Emotionen hervorrufen. Und je überraschender der Blick hinter die Maske gestaltet wird, desto mehr werden die Leser fasziniert sein. Allerdings darf ich es auch nicht übertreiben. Kleiner Test: Kaufst du mir den brutalen Bankräuber ab, der zwar Menschen töten kann, aber zu Hause voller Liebe und Hingabe Spitzmäuse züchtet? Naaaa?