Zum Hauptinhalt springen

Stille


Stille

Erinnert ihr euch an den Lockdown in der Coronazeit? Als selbst in den Großstädten der Grundlärm ausblieb und Stille einkehrte? So richtig Stille. Kein Verkehrslärm, keine lauten Menschen, kein Straßenbahngequietsche, kein Flugzeuglärm, nix. Nur Stille.

Ich hoffe, ihr steinigt mich nicht … Aber bei allen Beschränkungen, die damit einhergingen – ich habe diese Stille genossen. Aus tiefstem Herzen.

Natürlich kann man beispielsweise im Urlaub auch Stille genießen. Wer es mag, wird solche Orte suchen. Dennoch ist da auch immer noch im Hintergrund eine Art Lärm, ganz fern, trotzdem spürbar. Vermutlich nicht auf einer Insel in den Malediven oder in der Wüste, aber inmitten unserer Zivilisation ist Stille ein Gut geworden. Eben weil sie nicht immer verfügbar ist.

Es gibt natürlich Menschen, die Stille nicht genießen wollen und können. Eine Bekannte von mir geht zum Beispiel mit Absicht im allergrößten Weihnachtstrubel in die Stadt einkaufen. Sie liebt das, was für viele andere ziemlicher Horror ist. Zum Lärm kommen da ja noch Gedränge, Gerüche und eine hektische Stimmung, die mir persönlich jede Freude am Shoppen verleidet.

Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben. Mein Thema heute ist die Stille, die laut ist. Die dröhnt, die etwas in dir kaputt macht und mehr Schaden anrichtet, als es ein lautes Flugzeug oder ein Rockkonzert könnte.


Diese Stille entsteht, wenn böse Worte fallen und in dir nachhallen. Wenn eine Kränkung ausgesprochen wird, die nicht wieder gutzumachen ist und für die auch keine Entschuldigung ausgesprochen wird.

Diese Stille entsteht aber auch, wenn etwas ungesagt bleibt. Wenn zwei Menschen sich gegenüberstehen, die sich so viel zu sagen hätten und es dennoch nicht tun (können).

Kennt ihr das? Wenn sich die Stille ausbreitet, dir die Luft nimmt und du das Gefühl hast, dieses Unsichtbare nimmt immer mehr Raum ein zwischen dir und der anderen Person? Und gleichzeitig fühlst du, dass deine Hoffnung, der andere würde die Stille beenden, würde das, was richtig und wichtig ist, endlich aussprechen, mit jedem Atemzug stirbt? Du bist selbst nicht in der Lage, das Richtige zu sagen, bist blockiert von deinen Gefühlen und Erwartungen.

Das ist schwer auszuhalten.

Diese Stille erzeugt das Bedürfnis, etwas zu sagen, aber du kannst nicht. Nochmal: das ist schwer auszuhalten.

Ganz simpel kann dir das auch passieren, wenn du auf engem Raum mit einer Person zusammen bist, die sehr wortkarg ist oder grundsätzlich erwartet, dass andere (in dem Falle du) das Gespräch am Laufen halten. Dir ist die Stille unangenehm und deshalb plapperst du irgendetwas, machst Smalltalk, als würde morgen die Welt untergehen. Nur, weil du die Stille nicht aushältst.

Ich glaube, solche Situationen kennt jeder. Übrigens ist das eine Strategie von Ermittlern bei der Befragung von Zeugen und Tatverdächtigen. Wer da nicht genug Nerven hat, redet sich um den Verstand.

Es gibt natürlich auch die gute Stille zwischen zwei Personen. Die entsteht, wenn man im Einvernehmen miteinander ist, wenn es keine Worte benötigt, weil man so vertraut miteinander ist, dass man nahezu weiß, was der andere denkt oder weil man die Gedanken in der Stille gemeinsam fliegen lassen kann.

In der Telefonseelsorge gibt es zwei Arten, wie am Telefon geschwiegen wird. Der Anruf kommt rein und der Anrufer ist vor lauter Kummer nicht in der Lage, zu sprechen oder weiß nicht, wie er anfangen soll. Dann habe ich als Seelsorgerin Raum gegeben und es hat mir nichts ausgemacht, ein paar Minuten nicht zu sprechen und die Stille am anderen Ende der Leitung auszuhalten.

Schwierig, um nicht zu sagen, am schwersten sind jedoch reine Schweigeanrufe. In denen bittet der Anrufer darum, dass nicht gesprochen wird, dass man aber in der Leitung bleiben möchte. Hier dehnt sich Stille zwischen Anrufer und Seelsorger aus, die mir persönlich schnell mächtig wurde, wenn so gar kein Geräusch am anderen Ende der Leitung zu hören ist. Betet der Anrufer in Gedanken? Was geht in ihm vor, dass er lieber schweigen als reden möchten, aber dazu eine Person benötigt, die ihn still begleitet? Welches Problem könnte er haben?

Oder hat er einfach nur den Hörer danebengelegt und du sitzt wie ein Dummkopf da und hoffst, dass bald ein Geräusch ertönt, egal was? Du weißt es nicht.

Schwierig und schwer auszuhalten, weil ab einem bestimmten Zeitpunkt jede Sekunde laut in den Ohren tickt. Stille ist in diesem Fall Ungewissheit und zermürbt denjenigen, der nicht weiß, wozu diese Stille aufrechterhalten werden soll.

Du siehst, Stille kann viele Formen haben und viele unterschiedliche Emotionen wecken und selbstverständlich verarbeiten Autoren sie ebenfalls auf unterschiedliche Weise. Kürzlich las ich eine Textpassage, die mir extrem gut gefallen hat. Eine Person stellte eine Frage. Die Autorin ließ das Gegenüber nicht sofort antworten, sondern erzeugte eine fühlbare Stille. Und wie sie das tat, fand ich faszinierend. Statt zu antworten, sahen wir durch die Augen der Figur, von der die Antwort erwartet wurde. Wir sahen, wie ein Vogel sich gemächlich in die Lüfte erhob, ein Angler einen Fisch aus dem Wasser zog, rochen den Geruch von Feuer, der übers Wasser wehte, sahen die Wolken ziehen und zwei Kinder mit einem Kreisel spielen.

Die Stille zwischen Frage und Antwort war spürbar, denn es handelt sich um Wahrnehmungen, die mindestens mehrere Sekunden, wenn nicht gar Minuten in Anspruch nehmen. Erstklassige Anwendung der Schreibtechnik „Show, don´t tell“. Zeigen, statt erzählen. Viel weniger aussagekräftig wäre es gewesen, hätte die Autorin geschrieben: „B. schwieg.“

Ein zusätzlicher Effekt dieser erzeugten Stille war, dass sich die Spannung auch für den Leser erhöhte. Man konnte nicht nur mit dem Frager mitleiden, sondern war auch auf die Antwort gespannt.

Wer hätte gedacht, dass Stille so ein großes Thema sein könnte?