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Frauenpower


Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich fühlte, als mich diese Frau am Arm nahm und ins Café bugsierte. Wir trugen beide den gleichen Ring. Falks Ring.

Sie stellte sich mir als Charlotte vor, was das „Du“ sofort besiegelte. Charlotte sah sympathisch aus, keine Frage. Und sie hatte gütige Augen, die mit ihrem bleichen Gesicht stark kontrastierten. Vermutlich war ich ebenso bleich.

Wir setzten uns in eine Nische, damit wir ungestört reden konnten. Und das war nötig! Meine Beine fühlten sich an, als seien sie knochenlos. Charlotte orderte zwei Kaffee mit Rum, was mir nur recht war. Ich legte vorsichtig meine Hand mit dem Ring auf den Tisch. Charlotte legte ihre daneben. Nein, wir hatten uns nicht getäuscht. Der gleiche herzförmige Stein, der gleiche dünne Reif.

„Bist du auch verlobt mit Falk?“

Ich schüttelte den Kopf. Dann kamen Gott sei Dank die beiden Kaffeetassen, schön mit einem Sahnehäubchen verziert. Wer uns sah, sah vermutlich zwei Freundinnen, die es sich an einem schönen sonnigen Tag gemeinsam gemütlich machten und nicht zwei unglückliche Konkurrentinnen.

„Nein. Nicht verlobt. Aber fast.“


In mir stürzte gerade ein Hochhaus voller Hoffnungen zusammen. Es tat so weh!

„Ich hatte es mir erhofft. Er ist so voller Zuneigung und Freundlichkeit“, schob ich hinterher. Keine Ahnung, warum ich zu dieser Frau so offen sein konnte. Sie senkte den Kopf und nahm ihre Hand vom Tisch.

„Seit wann kennt ihr euch?“

Und dann erzählte ich unsere Geschichte. Ich weiß nicht, ob meine Worte sie trafen, weil ich ihr nicht ins Gesicht sah dabei, sondern auf meinen Kaffee starrte. Noch konnte ich nicht voller Hass über Falk reden, obwohl ich die Enttäuschung in jeder Faser meines Seins spürte. Das kam später. Aber es tat gut, zu reden und ich hoffte, dass auch sie ehrlich war.

Eine Weile, nachdem ich fertig war, begann Charlotte zu sprechen. Als sie schilderte, wie häufig er mit ihr schlief, fühlte es sich so an, als würde mein Magen zu Stein werden. Ein Klumpen Materie, in meinem Bauch eingeschlossen. Nein, mit mir hatte er nicht geschlafen, aber ich hätte es zugelassen, wenn sich die Gelegenheit ergeben hätte. Mir reichten zunächst aber Umarmungen, ein sanftes Streicheln über die Wange, ein gelegentlicher Kuss, zart und verheißungsvoll. Und die vielen Telefonate. Mir wurde für einen Augenblick schlecht.

Unsere Geschichten waren unterschiedlich, aber dennoch hatten sie Gemeinsamkeiten. Falk hatte uns beiden sehr gekonnt etwas vorgespielt. Der Gedanke, dass unsere Naivität, unsere Sehnsüchte derart ausgenutzt worden waren, war unerträglich. Noch unerträglicher war jedoch, dass er sowohl Charlotte als auch mich um fast unser gesamtes Erspartes gebracht hatte. Vermutlich fühlte Charlotte sich noch beschmutzter als ich. Immerhin hatte er mit ihr auch noch geschlafen, während es bei mir nur Andeutungen davon gab.

Zuerst sah ich nur stille Tränen über Charlottes Wangen laufen und dann weinte sie, schluchzte, unverhohlen, laut und klagend. Sie tat mir so leid!

Gerade als ich einen Arm um sie legen wollte, sah ich jemanden über die Abtrennung zur benachbarten Nische schauen. Eine Frau. Bleich, das schwarze Haar strubbelig. Ehe ich zu einer Entschuldigung ansetzen konnte, stellte sie eine Frage, die mich noch fassungsloser machte.

„Falk Wiesemann?“

Sie muss uns das Entsetzen angesehen haben. Zu Worten waren wir nicht fähig. Langsam nickten Charlotte und ich.

„Darf ich zu Ihnen kommen?“

Wir nickten noch einmal.

Die Frau stellte sich als Maria vor. Sie war groß und stämmig gebaut, eigentlich gar nicht Falks Beuteschema. Aber vielleicht war sie reich und es war ihm egal. Oder es hatte einen ganz anderen Grund.

Maria sah uns an. In ihrem Blick stritten sich Mitleid und Aufruhr. Ich sah, wie sie mit sich kämpfte und raffte mich auf.

„Magst du uns erzählen, woher du Falk kennst?“

Marias Stimme stand im krassen Gegensatz zu ihrer Statur. Melodisch schwangen die Worte aus ihrem Mund, perlten zunächst verhalten und flossen dann immer schneller aus ihr heraus. Als sie erzählte, dass Falk mit ihr geschlafen hatte, zuckte Charlotte zusammen und heulte erneut so sehr, dass ihr die Rotzblasen aus der Nase liefen. Ich zückte ein frisches Taschentuch.

„Maria, einen Moment bitte.“

Ich fühlte mich nicht mehr so zerschlagen, wie am Anfang unseres Kennenlernens, sondern eher gefasster, aber voller Wut. Charlotte tat mir leid. Maria tat mir leid. Und ich selbst tat mir auch leid, natürlich. Wenn Falk durch die Tür dieses Cafés gekommen wäre, würden wir wahrscheinlich wie die Hyänen über ihn herfallen und ihn zerfleischen. Zumindest ich spürte das Verlangen danach. Charlotte war noch nicht soweit, vermutete ich. Sie hatte es wohl am meisten getroffen. Nicht nur, weil Falk sich sogar mit ihr verlobt hatte, sondern weil sie auch das Vermögen ihrer Mutter an ihn verschleudert hatte.

Die Aussichten, es wiederzubekommen, tendierten höchstwahrscheinlich gen Null, vermutete ich. Und wie beschmutzt sie sich fühlen musste, konnte ich ebenfalls gut nachvollziehen. Ich schämte mich ja schon für meine Gedanken, die ich in dieser Richtung entwickelt hatte.

Was für ein Schlamassel!

Ganz am Anfang hatte ich noch gehofft, dass alles sich als Irrtum herausstellt. Niemand könnte so niederträchtig sein, oder? Schließlich waren die Zeiten der Heiratsschwindelei doch vorbei. Dachte ich zumindest und wurde gerade schmerzhaft eines Besseren belehrt. 

Nun saßen wir hier zu dritt mit verheulten Augen oder zumindest verdächtig glänzend, roter Nase und Sorgenfalten im Gesicht. Ein schöner Verein geprellter älterer Damen.

Maria lachte als erste. Zögerlich. Ich gluckste einen Moment später mit. Und noch einen Moment später brüllten wir beide vor Lachen.

Charlotte sah uns an, als ob wir nicht mehr alle Tassen im Schrank hätten, schnäuzte sich kräftig und stimmte dann mit ein. Wir bogen uns vor Heiterkeit und vergossen die Tränen, die wir vorher nicht hatten weinen können, weil wir uns so schämten.

Als wir bemerkten, dass die Bedienung und die anderen Gäste des Cafés bereits die Köpfe schüttelten, beruhigten wir uns allmählich wieder. Das Lachen hatte gut getan.

Maria nahm meine Hand, ich nahm die von Charlotte und Charlotte nahm Marias Hand in ihre. Es fühlte sich richtig an. Richtig richtig.

„Was meint ihr, sollen wir ihm das durchgehen lassen?“

Wir schüttelten gleichzeitig die Köpfe.

„Nein“, sagte ich. „Ich habe keine Ahnung, wie wir ihm das heimzahlen können oder ob und wie wir jemals wieder an unser Geld kommen können. Aber ich werde einen Teufel tun, ihn seinen Verrat nicht spüren zu lassen.“

„Ich bin dabei“, sagte Maria und Charlotte grinste schief.

„Ich auch.“

Und so beschlossen wir, dem Betrüger gemeinsam das Handwerk zu legen. Aber davon berichte ich ein andermal.